Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 03: Unterschied zwischen den Versionen
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===Auf dem [[Junkergut Hellenwald]]=== | ===Auf dem [[Junkergut Hellenwald]]=== | ||
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[[Xerog Sohn des Turgol|Xerog]] runzelte die Stirn, als sein Blick an Jandaras Oberarm hängen blieb. Dort, wo die Haut frisch vernarbt war, zog sich eine dünne rote Linie. Er schnaubte leise in seinen Bart, nahm einen Schluck Bier und meinte trocken: ''"Eine neue Zierde, hm? Lass mich raten – ein weiteres Ergebnis deiner grandiosen Ideen?"'' | [[Xerog Sohn des Turgol|Xerog]] runzelte die Stirn, als sein Blick an Jandaras Oberarm hängen blieb. Dort, wo die Haut frisch vernarbt war, zog sich eine dünne rote Linie. Er schnaubte leise in seinen Bart, nahm einen Schluck Bier und meinte trocken: ''"Eine neue Zierde, hm? Lass mich raten – ein weiteres Ergebnis deiner grandiosen Ideen?"'' | ||
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==[[Punin]] im Hesindemond [[Annalen:1045|1045 BF]]== | ==[[Punin]] im Hesindemond [[Annalen:1045|1045 BF]]== | ||
===In einer Taberna im [[Theaterviertel]] (nach Mitternacht)=== | |||
In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Domna von Hellenwald]], um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte. | In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Domna von Hellenwald]], um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte. | ||
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Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender. | Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender. | ||
Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir | Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir verzeihen, aber ich würde Euch gerne etwas fragen." | ||
Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte.”Nur zu, fragt ruhig!” | Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte. ”Nur zu, fragt ruhig!” | ||
[[Emilio Lampérez di Rueda|Emilio]] sprach ruhig zu [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Jandara]], gegen den umgebenden Lärm der Taverne "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob | [[Emilio Lampérez di Rueda|Emilio]] sprach ruhig zu [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Jandara]], gegen den umgebenden Lärm der Taverne: "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob Ihr Euch vorstellen könntet, Modell zu stehen?" | ||
Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“ | Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“ | ||
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Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb. | Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb. | ||
„Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn | „Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn Ihr meine Zeit wollt, dann müsst Ihr bereit sein, mich ebenso festzuhalten, wie ich bin – mit allen Federn, Krallen und, wenn es sein muss, auch mit dem Schnabel.“ | ||
Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet | Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet Ihr es wagen, mein Herr?“, sagte sie schließlich in einer gewollt schlechten Imitation einer feinen Puniner Dame. | ||
Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..." | Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich: "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..." | ||
Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert. | Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert. | ||
"Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?" sah er sie fragend an. | "Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?", sah er sie fragend an. | ||
Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt | Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt Ihr Wein im Atelier?” "Es ist nicht weit, liegt am Weg", widerholte er nur. Mit einem Seitenblick musterte er die Flasche. | ||
Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher ''Domna! Belleza! verlasst uns nicht…'' | Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher: ''"Domna! Belleza! verlasst uns nicht…"'' | ||
Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.” | Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.” | ||
Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich. | Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich. | ||
Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt | Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt Ihr klettern?" | ||
Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.” | Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.” | ||
===Im Atelier in [[Yaquirhafen]]=== | |||
Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleeren Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten. | Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleeren Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten. | ||
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[[Datei:Seiltanzerin.jpg|right|thumb|300px|"Seiltänzerin", Öl auf Leinwand]] | [[Datei:Seiltanzerin.jpg|right|thumb|300px|"Seiltänzerin", Öl auf Leinwand]] | ||
Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten. | Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten. | ||
Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der | Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der blassblaue Himmel darüber wirkte wie helles Porzellan, welches aber oberhalb des Gebäudes in Bruchlinien zerbrach, um eine dahinterliegende, von wirbelnden und fluoreszierenden Phantasmen durchzogene Dunkelheit zu offenbaren. | ||
Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen. | Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen. | ||
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„Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“ | „Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“ | ||
Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt | Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt Ihr nie zu Ende, was nach dem Schritt ins Leere kommt?“ | ||
Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen: | Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen: | ||
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Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen. | Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen. | ||
„Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht. | „Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht. | ||
„...also – wo wollt | „...also – wo wollt Ihr mich?“ | ||
Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. ''Unzählige Männer und einige Frauen'', hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete. | Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. ''Unzählige Männer und einige Frauen'', hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete. | ||
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„Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“ | „Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“ | ||
===Nahe der Stadtmauer in [[Yaquirhafen]]=== | |||
Kurz darauf standen die beiden im schwachen Dämmerlicht der nahenden Tages vor dem alten Prachtbau des Palacio Abadessa. Er musste schon seit etlichen Jahrzehnten unbewohnt sein, denn die Fenster des Erdgeschosses waren mit Latten vernagelt, das Eingangstor mit Ketten gesichert. Die reich verzierte Fassade zeigte Zeichen beginnenden Verfalls, und wuchernde Pflanzen hatten bereits angefangen, von dem Gemäuer Besitz zu ergreifen | Kurz darauf standen die beiden im schwachen Dämmerlicht der nahenden Tages vor dem alten Prachtbau des Palacio Abadessa. Er musste schon seit etlichen Jahrzehnten unbewohnt sein, denn die Fenster des Erdgeschosses waren mit Latten vernagelt, das Eingangstor mit Ketten gesichert. Die reich verzierte Fassade zeigte Zeichen beginnenden Verfalls, und wuchernde Pflanzen hatten bereits angefangen, von dem Gemäuer Besitz zu ergreifen | ||
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Der Dom di Rueda wirkte anders als vorhin in der Stadt - weniger ernst und schwer, mehr wie ein Jugendlicher auf Abenteuer. Er erklomm nun ebenfalls die Fassade, unterstützt von dem Seil, und stand kurz darauf neben Jandara, wieder mit einem gelösten Lächeln. | Der Dom di Rueda wirkte anders als vorhin in der Stadt - weniger ernst und schwer, mehr wie ein Jugendlicher auf Abenteuer. Er erklomm nun ebenfalls die Fassade, unterstützt von dem Seil, und stand kurz darauf neben Jandara, wieder mit einem gelösten Lächeln. | ||
===Im Palacio Abadessa - Das Gemälde=== | |||
Dunkles, welkes Laub und kleine Zweigen überzogen den Boden der Loggia und knacksten leise unter den Schritten. Die Türe ins Gebäude stand bereits einen Spalt offen, und Jandara konnte sie aufschieben. Emilio löste mit geübter Bewegung das Seil vom Geländ, und blieb dann knapp hinter ihr. Erst durchschritten sie einen grünen Salon, dessen Wände mit ausgebleichten Fresken von Palmen und fruchttragenden Bäumen überzogen waren, dazwischen gemalte Äffchen und dekorative Vögel. | Dunkles, welkes Laub und kleine Zweigen überzogen den Boden der Loggia und knacksten leise unter den Schritten. Die Türe ins Gebäude stand bereits einen Spalt offen, und Jandara konnte sie aufschieben. Emilio löste mit geübter Bewegung das Seil vom Geländ, und blieb dann knapp hinter ihr. Erst durchschritten sie einen grünen Salon, dessen Wände mit ausgebleichten Fresken von Palmen und fruchttragenden Bäumen überzogen waren, dazwischen gemalte Äffchen und dekorative Vögel. | ||
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Die junge Domna legte den Brokat ab und war auf halbem Weg, da drang plötzlich ein krachendes Scheppern aus dem untenliegenden Stockwerk. Jemand war im Gebäude mit ihnen. | Die junge Domna legte den Brokat ab und war auf halbem Weg, da drang plötzlich ein krachendes Scheppern aus dem untenliegenden Stockwerk. Jemand war im Gebäude mit ihnen. | ||
===Im Palacio Abadessa - Schwierigkeiten=== | |||
Jandara erstarrte mitten in der Bewegung, das Scheppern hallte nach, begleitet von einem undeutlichen Stimmengewirr. Ihr Blick wanderte sofort zum Treppenabsatz, der ins Untergeschoss führte. | Jandara erstarrte mitten in der Bewegung, das Scheppern hallte nach, begleitet von einem undeutlichen Stimmengewirr. Ihr Blick wanderte sofort zum Treppenabsatz, der ins Untergeschoss führte. | ||
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Endlich hatten sie den Balkon erreicht. Kalte Winterluft schlug ihnen entgegen, der Schnee stob unter den Stiefeln. Mit knirschendem Geräusch verkeilte Emilio seinen Klingenbrecher zwischen den Türgriffen, um die Verfolger zumindest für einen Moment noch zurückzuhalten. | Endlich hatten sie den Balkon erreicht. Kalte Winterluft schlug ihnen entgegen, der Schnee stob unter den Stiefeln. Mit knirschendem Geräusch verkeilte Emilio seinen Klingenbrecher zwischen den Türgriffen, um die Verfolger zumindest für einen Moment noch zurückzuhalten. | ||
===Nahe der Stadtmauer in Yaquirhafen=== | |||
Vor ihnen lag nur das Geländer, darüber das Dach des Palazzos – schneebedeckt, steil, aber erreichbar. | Vor ihnen lag nur das Geländer, darüber das Dach des Palazzos – schneebedeckt, steil, aber erreichbar. | ||
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Einen Moment ließ sie die Schultern sinken, der Kopf lehnte kurz gegen die kühle Bretterwand. Das Schwappen des Wassers, das leise Knarren des Rumpfes, ihr Atem, seiner. Die Hektik des Morgens fiel ab wie Staub. | Einen Moment ließ sie die Schultern sinken, der Kopf lehnte kurz gegen die kühle Bretterwand. Das Schwappen des Wassers, das leise Knarren des Rumpfes, ihr Atem, seiner. Die Hektik des Morgens fiel ab wie Staub. | ||
„Hm“, sagte sie leiser, „ich hatte mir einen amüsanten Abend versprochen. Vielleicht etwas Wein, ein paar freche Worte, ein Bild, das mir später schmeichelt. Ich habe… mehr bekommen, als ich verlangt habe.“ Ein schiefes, echtes Lächeln. „Ich habe es genossen. Überraschenderweise sogar sehr.“ | |||
Emilio arbeitete weiter, wirkte aber merklich froh bei dieser Eröffnung. Sie griff nach dem beiseitegelegten Hemd, sah den dunkelroten Fleck am Ärmel und ließ es wieder sinken. Es war ruiniert, zum Glück war es nicht ihr Lieblingshemd. | Emilio arbeitete weiter, wirkte aber merklich froh bei dieser Eröffnung. Sie griff nach dem beiseitegelegten Hemd, sah den dunkelroten Fleck am Ärmel und ließ es wieder sinken. Es war ruiniert, zum Glück war es nicht ihr Lieblingshemd. | ||
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Jandara hatte inzwischen eine Flasche gefunden, die vermutlich Alkohol enthielt, prüfte, ob noch ein Rest darin gluckerte, und nahm einen kleinen, vorsichtigen Schluck, ehe sie sie ihm reichte. „Auf Dächer, waghalsige Fluchten und gute Zusammenarbeit.“ Ihr Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln. | Jandara hatte inzwischen eine Flasche gefunden, die vermutlich Alkohol enthielt, prüfte, ob noch ein Rest darin gluckerte, und nahm einen kleinen, vorsichtigen Schluck, ehe sie sie ihm reichte. „Auf Dächer, waghalsige Fluchten und gute Zusammenarbeit.“ Ihr Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln. | ||
Der Dom di Rueda nahm die Flasche entgegen und hob sie in Erwiderung des Trinkspruches Richtung Himmel, bevor er davon trank. Es war Weinbrand, und er zog eine wärmende Spur in seinem Körper, die sich angenehm ausbreitete. Mit der Hitze kam auch ein Gefühl von Erschöpfung, während seine Anspannung nachließ. Er schob sich auf der Bettstatt zurück und sank etwas tiefer. “Wenn das in Ordung ist, würde ich dann etwas ausruhen, | Der Dom di Rueda nahm die Flasche entgegen und hob sie in Erwiderung des Trinkspruches Richtung Himmel, bevor er davon trank. Es war Weinbrand, und er zog eine wärmende Spur in seinem Körper, die sich angenehm ausbreitete. Mit der Hitze kam auch ein Gefühl von Erschöpfung, während seine Anspannung nachließ. Er schob sich auf der Bettstatt zurück und sank etwas tiefer. “Wenn das in Ordung ist, würde ich dann etwas ausruhen", meinte Emilio. "...''oder ist der Abend noch zu jung?''" | ||
Damit zitierte er Jandaras Aussage im Kampfgeschehen, und in sein schon schlaftrunkenes Gesicht stahl sich ein foppendes Grinsen. | Damit zitierte er Jandaras Aussage im Kampfgeschehen, und in sein schon schlaftrunkenes Gesicht stahl sich ein foppendes Grinsen. | ||
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Ohne weiteren Kommentar stieß sie Emilio mit der flachen Hand an der Brust rückwärts auf die Pritsche – und war im selben Atemzug schon über ihm, ein spielerisches Gewicht, das ihm die Luft gerade so weit nahm, dass er noch atmen konnte. Sie beugte sich tief, bis ihr Schatten sein Gesicht einrahmte, und grinste herunter. | Ohne weiteren Kommentar stieß sie Emilio mit der flachen Hand an der Brust rückwärts auf die Pritsche – und war im selben Atemzug schon über ihm, ein spielerisches Gewicht, das ihm die Luft gerade so weit nahm, dass er noch atmen konnte. Sie beugte sich tief, bis ihr Schatten sein Gesicht einrahmte, und grinste herunter. | ||
„Der Abend ist stets so jung, wie wir es | „Der Abend ist stets so jung, wie wir es wünschen“, stellte sie fest, jede Silbe eine Herausforderung – dann tippte sie mit dem Finger auf seine Brust. „Zeig mal, wieviel Kraft noch in diesem waidwunden Abenteurer steckt.“ | ||
Der Fluß, der Raum, selbst der pochende Schmerz seiner Stichverletzung sanken in den Hintergrund, während Jandara über ihm ganz sein Bewusstsein ausfüllte. Ein Gefühl wie goldenes Rauschen. Emilio atmete schwer und betrachtete sie, während die Bernsteinfarbe seiner Augen im Schatten zu glimmen schien. Dann legte er seine Hand warm an ihre Wange und Schläfe und begann sachte, die junge Frau zu küssen. Seine Finger strichen über ihr Haar, nach hinten und an die Ansatzstelle ihres Nackens, den er nun in einer beschützenden Geste umfasste, während sein anderer Arm sie umschlang und näher zog. Er küsste Jandara weiter, jetzt inniger. | Der Fluß, der Raum, selbst der pochende Schmerz seiner Stichverletzung sanken in den Hintergrund, während Jandara über ihm ganz sein Bewusstsein ausfüllte. Ein Gefühl wie goldenes Rauschen. Emilio atmete schwer und betrachtete sie, während die Bernsteinfarbe seiner Augen im Schatten zu glimmen schien. Dann legte er seine Hand warm an ihre Wange und Schläfe und begann sachte, die junge Frau zu küssen. Seine Finger strichen über ihr Haar, nach hinten und an die Ansatzstelle ihres Nackens, den er nun in einer beschützenden Geste umfasste, während sein anderer Arm sie umschlang und näher zog. Er küsste Jandara weiter, jetzt inniger. | ||
Unter der nun wärmer scheinenden Sonne des Wintermorgens stieg von der Flußlandschaft silbriger Nebel auf. Es versprach, ein schöner Tag zu werden. | Unter der nun wärmer scheinenden Sonne des Wintermorgens stieg von der Flußlandschaft silbriger Nebel auf. Es versprach, ein schöner Tag zu werden. | ||
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