Chronik.Ereignis1040 Zwischen Ober- und Unter-Punin 04: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 25. August 2026, 16:05 Uhr
Ober-Punin, Efferd 1040 BF
Autoren: Tsayano V. Taubentanz und Amrit
„Meine Familie will dich kennenlernen.“ hatte Emilio nur gesagt. Tsayanos feingestimmte Wahrnehmung ließ ihn spüren, dass sein neuer Bekannter das nicht völlig entspannt sah. Wenigstens hat er eine Familie, die ich kennenlernen kann, dachte er bitter und hoffte, dass Emilio nicht im falschen Moment zu neugierig wurde.
Nun saß er in einem Palazzo in Oberpunin, an einem mit zu vielen Kerzen bestandenen Tisch, während die Tischgesellschaft – ein gutes halbes Dutzend – ihn mehr oder weniger offen musterte. Emilio war stiller als sonst.
"Ehrenhafte, aufrechte Recken, Eure Absolventen des Kriegerseminars. Eine solide Ausbildung. Auch die bürgerlichen. " erbot Großvater Nazir di Rueda seinem jungen Gast, wobei er den letzten Zusatz mit Bedacht aussprach. "Und wie konnte Ranarions Sohn Euch zum Freund gewinnen? Seine Interessensgebiete liegen ja woanders."
“Wir kamen ins Gespräch über den Kampf zu Pferde. Ich war wie in den Bann gezogen von seinem Gemälde der Heiligen Hadjinsunni, müsst Ihr wissen. Bei der Ausstellung.” Den nächtlichen Einbruch ließ Tsayano lieber unerwähnt. Er hoffte, der Alte würde die Röte, die ihm ins Gesicht stieg, auf seine Stellung und Autorität zurückführen. “Die Galleria liegt ja direkt neben unserer Akademie, deshalb besuchen sie viele Schüler und Lehrer.”
Emilios Mutter Rahjalina strahlte, als hätte man ihr mit dem Stichwort ein persönliches Geschenk gemacht. "Die Ausstellung, ja! Emilios Bild wurde viel gelobt, eine ganz große Freude." Sie musterte ihren jüngeren Sohn warm, bevor sie sich wieder Tsayano zuwandte. "Emilio hat aber auch in hohen Tönen von Euch gesprochen, ich bin sicher, Eure Eltern sind ebenso stolz."
Ihr Ausdruck bekam etwas Unsicheres, als sie den Blick ihrer Schwägerin Caneya einfing. "Etwas unpassend." raunte die Magierin ihr zu. "Erkläre ich gerne beizeiten." Rahjalina wurde einen Moment sehr still. "Eure Lehrer werden recht zufrieden mit Euch sein." meinte sie dann zu Tsayano, immer noch ehrlich, aber mit weniger Überschwang in der Stimme als zuvor. Domna Caneya registrierte es mit leiser Zufriedenheit. Die Familie hatte selbstverständlich ihre Erkundungen eingeholt, sie wusste von Tsayanos Aufnahme als Waisen, vom adligen Gönner. Rahjalina wusste es nicht.
Emilios Bruder Avessandro, der neben seiner Mutter saß, bekräftigte deren letzte Worte nun aber mit warmem Tonfall: "Sie sind bestimmt zufrieden, davon würde ich auch ausgehen. Ich durfte einen der Lehrer vor kurzem kennenlernen, übrigens. Beeindruckende Person. Dhamar ben Fahd?" suchte er Tsayanos Bestätigung.
Das Gesicht des alten Sobarans bekam bei dem novadischen Namen einen kalten Ausdruck, was Avessandro aber nicht zu registrieren schien. Er fuhr fort: "Ein hervorragender Tjoster - und Lehrer - was man hört!" Tsayano nickte lebhaft mit dem Kopf, denn er wollte nicht mit vollem Munde sprechen.
"Tjostunterricht klingt formidabel", bekräftigte Emilios Vater, musterte den Kriegerkadetten beifällig und schwenkte versonnen sein Getränk im geschliffenen Glas. "In Eurem Alter war ich auch Feuer und Flamme für solche Themen. Ich hatte aber Privatlehrerunterricht." Maga Caneyas Augen funkelten bei dem Satz amüsiert, als wollten sie dem Kristallpokal Konkurrenz machen. "Hat er auch Tjosten unterrichtet?" fragte sie ihren Zwillingsbruder.
Eine kurze Zeit sage niemand etwas.
Der nächste Gang, der vor Tsayano gestellt wurde, bestand aus einer etwa handgroßen, glänzend überzogenen, im Ganzen gebratenen Schnepfe. Der Kopf war im Nacken zurückgedreht, der feine, lange Schnabel des Vögelchens in seine eigene Seite gespießt. Emilios Mutter lächelte dem jungen Kriegerseminaristen aufmunternd über den Tisch zu. Einige der di Ruedas schienen durchaus interessiert daran, wie ihr Gast sich mit dem Vogel tat.
Tischmanieren hatte das Täubchen zum Glück gelernt, seitdem es sein neues Leben als Tsayano führte. In der ehrwürdigen Traditionsakademie, die einst von der königlichen Familie selbst getragen worden war, waren gutes Benehmen, Etikette und Umgangsformen wichtig. “Wer das Silber nicht ehrt, ist den Säbel nicht Wert” - wie oft hatte er sich das in den ersten Wochen und Monden anhören müssen. Erst der Gedanke an das Silberbesteck des Seminars ließ ihn bemerken, dass Emilios Familie kein echtes Silber verwendete. Täuschte er sich? Oder war hier eher Reichtum angedeutet als vorhanden?
Emilio selbst hatte noch gar keinen Teller vor sich, hob aber bereits das passende Besteck an. Eine ganz kleine Geste in Richtung seines Freundes, ohne dass er ihn dabei überhaupt ansah.
Er wirkte nebenbei, wie mehrfach zuvor an diesem Abend, als wäre es eine willkommene Wendung, wenn sich der Erdboden unter ihm auftäte. Tsayano blieb das nicht verborgen. Es war wohl doch ein Fehler gewesen, hierher zu kommen. Er, der Straßenjunge. In diesem feinen Hause. Sein Freund musste sich in Grund und Boden schämen. Der junge Krieger räusperte sich. “Werte Familia di Rueda. Ich habe mich zu bedanken für die außerordentliche Gastfreundschaft, die ich nicht verdiene und dennoch, Travia sei Dank, erhalte.” Nach einem Seitenblick auf Emilio schob er hinterher: “Ich sollte nun zum Seminar zurückkehren. Noch einmal meinen verbindlichsten Dank!”
Die Augen des jüngsten di Rueda weiteten sich, dann erhob er sich überstürzt. “Ich begleite ihn.” Er stand in der Türe, noch ehe der Rest seiner Familie auf die abrupte Verabschiedung reagiert hatte.
Erst stand, dann ging Emilio wortlos neben dem Schwertschüler, bis sie auf halbem Weg durch den Garten angelangt waren. Dort, im Halbdunkel, wandte er sich an Tsayano. “Es tut mir so leid! Ich kann die Entscheidung nachvollziehen…Ich verstehe, dass es dir gereicht hat. Dabei wussten sie, dass mir an dir liegt. Ich habe einfach gehofft...Ich dachte, sie können es einmal bleiben lassen mit diesen Prüfungen und Machtspielen.” Etwas Bitteres klang in seiner Stimme an. “Ich hätte dich warnen sollen. Oder verteidigen, oder... irgendetwas! Ich verstehe, falls du nicht mehr befreundet sein möchtest nach der Sache.”
“Was? Wie kommst du denn darauf? Warum sollte ich nicht dein Freund sein wollen?” Tsayano sah Emilio entgeistert an, schüttelte den Kopf. “Natürlich will ich das. Aber können wir denn Freunde sein? Ich dachte, du schämst dich vor deiner Familie für mich. Weil ich nicht aus so gutem Hause bin. Ich …” An Emilios Reaktion konnte er ablesen, dass er die Lage völlig falsch eingeschätzt hatte. Die Erleichterung brach sich in einem unkontrollierten Auflachen Bahn. Tsayano legte Emilio eine Hand auf die Schulter. “Da waren wir wohl beide mit Blindheit geschlagen, was?” Emilio fasste nach der Hand. “Uff” sagte er nur, es klang aber mehr als erleichtert.
"Musst du direkt zum Seminar zurück?" fragte er Tsayano dann vorsichtig. "Es gibt in der Nähe einen Platz, wo ich immer hin bin, wenn zu viel Druck war."
Einen kurze Weg und eine nicht sonderlich herausfordernde Kletterpartie später saßen sie auf dem Dach eines Betriebsgebäudes. Von hier aus sah man mehr Himmel - im Westen noch im letzten rötlichen Glosen, über Kopf schon von Sternen durchsetzt - vor allem sah man von der Anhöhe auch Punin, wie es sich innerhalb und außerhalb seiner Mauern ausstreckte. Tausende Häuser, ihre verschachtelten, dunklen Mauern durchzogen von unzähligen warm flirrenden Lichtflächen. Linkerhand hielt der Yaquir die Stadt umfasst wie mit einem silbrig-bleiernen Band, das das letzte Licht des Himmels einfing.
"Ist etwas schwierig mit meiner Familie." beichtete Emilio, den Blick am Horizont. "Ich bin dankbar für sie. Und es ist so verdammt schwierig, bei ihnen der Mensch zu sein, der ich sein will. Deswegen studiere ich in Methumis. Die Welt ist so anders, wenn dir nicht ständig jemand sagt, wer du bist und wer du nicht bist." Er sinnierte.
“Ich weiß gar nicht, wer meine Eltern sind”, erwiderte Tsayano nach einer Weile. Da. Es war heraus. Den Rest zu erzählen, was er wusste und was nicht, fiel ihm nun auch nicht mehr schwer.