Chronik.Ereignis1047 Von Spinnennetzen und Sternen 02: Unterschied zwischen den Versionen

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==[[Punin]], Rahjamond [[Annalen:1047|1047]]==
==[[Punin]], Travia [[Annalen:1047|1047]]==


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Der Ausflug nach Amhallas hat uns näher gebracht, Avessandro und mich. So reisten wir dann öfter, immer weiter fort von einem Elternhaus, in dem ''was einmal war'' sich soviel schwerer anfühlte als alles, was vielleicht noch werden konnte. Mein Bruder übernahm bereitwillig Handelsaufträge und ich war sein Kompagnon, sein Schriftführer und vor allem: sein Gefährte im Abenteuer. Denn das war, was uns lockte.  
Der Ausflug nach Amhallas hat uns näher gebracht, Avessandro und mich. So reisten wir dann öfter, immer weiter fort von einem Elternhaus, in dem ''was einmal war'' sich soviel schwerer anfühlte als alles, was vielleicht noch werden konnte. Mein Bruder übernahm bereitwillig Handelsaufträge und ich war sein Kompagnon, sein Schriftführer und vor allem: sein Gefährte im Abenteuer. Denn das war, was uns lockte.  


So waren wir wenig später weit im Osten, und unterwegs im schroff aufragenden Gebirge der Schwarzen Sichel. Die letzte menschliche Siedlung lag schon über eine Tagesreise hinter uns, da gerieten wir in den Hinterhalt. Zwar konnten wir die Räuber zurückschlagen, doch Avessandro trug ernstliche Wunden davon, und um die anderen Gefährten war es kaum besser bestellt. Wir lagerten in einer windstillen Niederung, über uns spannte sich der Abendhimmel wie eine violette Glasglocke, und besprachen die Lage, denn unsere Heilkräuter waren fast erschöpft. Mein Herz war schwer vor Sorge.  
So waren wir wenig später weit im Osten, und unterwegs im schroff aufragenden Gebirge der Schwarzen Sichel. Die letzte menschliche Siedlung lag schon über eine Tagesreise hinter uns, da gerieten wir in den Hinterhalt. Zwar konnten wir die Räuber zurückschlagen, doch Avessandro trug ernstliche Wunden davon, und um die anderen Gefährten war es kaum besser bestellt. Wir lagerten in einer windstillen Niederung, über uns spannte sich der Abendhimmel wie eine violette Glasglocke, und besprachen angespannt die Lage, denn unsere Heilkräuter waren fast erschöpft. Mein Herz war schwer vor Sorge.  


Wie wir so berieten mit verhaltenen Stimmen, raschelte es nahe uns im Gesträuch. Unsere Hände fuhren sich schon zu den Waffengriffe, doch den steilen Pfad hinab kam nur ein schmächtiger Dörfler. Der betrachtete unsere verwehte Gruppe und wies uns dann den Weg nach einer Burg, welche verborgen in einer Schneise des Abhangs lag – Seine Herrin sei eine geübte Heilerin, und vermöge uns sicher zu helfen, ließ er uns lächelnd wissen. Wir dankten dem Burschen, der Fügung, und suchten die Burg auf.  
Wie wir so berieten mit verhaltenen Stimmen, raschelte es nahe uns im Gesträuch. Unsere Hände fuhren sich schon zu den Waffengriffe, doch den steilen Pfad hinab kam nur ein schmächtiger Dörfler. Der betrachtete unsere verwehte Gruppe und wies uns dann den Weg nach einer Burg, welche verborgen in einer Schneise des Abhangs lag – Seine Herrin sei eine geübte Heilerin, und vermöge uns sicher zu helfen, ließ er uns lächelnd wissen. Wir dankten dem Burschen, der Fügung, und suchten die Burg auf.  


Von außen wirkte diese Festung, als wäre sie aus dem Granitmassiv des Berges selbst gewachsen, doch hinter den Toren, die von dienstfertigen Untergebenen geöffnet wurden, überraschte uns der Glanz. Marmorne Arabesken hoben sich über spiegelnden Böden, es brannten viele hundert Lichter, als wollte man uns einen festlichen Empfang bereiten. Fast zögerten wir, einzutreten, doch die Herrin der Burg kam uns schon entgegen, in den fließenden, weißen Gewande einer Heilerin, und wir wurden freundlich aufgenommen. Sie sagte, wir seien am richtigen Ort.  
Von außen wirkte diese Festung, als wäre sie aus dem Granitmassiv des Berges selbst gewachsen, doch hinter den Toren, die von dienstfertigen Untergebenen geöffnet wurden, überraschte uns der Glanz. Marmorne Arabesken hoben sich über spiegelnden Böden, es brannten viele hundert Lichter, als wollte man uns einen festlichen Empfang bereiten. Fast zögerten wir, einzutreten, doch die Herrin der Burg kam uns schon entgegen, in den fließenden, weißen Gewändern einer Heilerin, und wir wurden freundlich aufgenommen. Sie sagte, wir seien am richtigen Ort.  


Erleichtert legten wir Waffen und Rüstungen ab und glaubten uns in sicheren Händen. Erst später lernte ich, dass ihre Kunst nicht von jener Art war, die Wunden schließt. Unwissentlich waren wir in tiefere Gefahr geraten als zuvor - in die Hallen einer Magierin, deren Wirken nicht heilte, sondern band.  
Erleichtert legten wir Waffen und Rüstungen ab und glaubten uns in sicheren Händen. Erst später lernte ich, dass ihre Kunst nicht von jener Art war, die Wunden schließt. Unwissentlich waren wir in tiefere Gefahr geraten als zuvor - in die Hallen einer Magierin, deren Wirken nicht heilte, sondern band.  


Die Herrin war umgeben von Gefolge, dass ihr gänzlich ergeben war, und nicht viel Zeit verstrich, da fanden auch wir uns als Teil davon. Es schien undenkbar, jemals wieder fortzuwollen. Wir waren doch endlich am Ziel unserer Reise. Ihre Worte woben Netze, beiläufig, kunstfertig, und sie band uns ein in ihre Welt, an den Platz, an den wir gehörten: Ganz bei ihr.  
Die Herrin war umgeben von Gefolge, das ihr gänzlich ergeben war, und nicht viel Zeit verstrich, da fanden auch wir uns als Teil davon. Es schien undenkbar, jemals wieder fortzuwollen. Wir waren doch endlich am Ziel unserer Reise. Ihre Worte woben Netze, beiläufig, kunstfertig, und sie band uns ein in ihre Welt, an den Platz, an den wir gehörten: Ganz bei ihr.  


Mein Bruder und ich standen ergriffen vor ihrem Geschenk, denn sie liebte uns so aufrichtig, dass sie alles für uns sein wollte - die verlorene Mutter, die Priesterin unserer innersten Gedanken, Sonne unseres Firmaments. Neben solchen Strahlen kann nichts anderes bestehen, und so fielen Erinnerung und Eigenwille von uns ab, wie alte Hüllen, wie Blätter von einem Baum, Stück für Stück. Meist tat es nicht einmal weh.  
Mein Bruder und ich standen ergriffen vor ihrem Geschenk, denn sie liebte uns so aufrichtig, dass sie alles für uns sein wollte - die verlorene Mutter, die Priesterin unserer innersten Gedanken, Sonne unseres Firmaments. Neben solchen Strahlen kann nichts anderes bestehen, und so fielen Erinnerung und Eigenwille von uns ab, wie alte Hüllen, wie Blätter von einem Baum, Stück für Stück. Meist tat es nicht einmal weh.  
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So ging das Wort von Mund zu Mund. Einer nach dem anderen gab ihr recht, wiederholte ihr Bild mit eigenen Worten und eigenem Schmerz. Es war, als würde im Raum etwas immer dunkler, drückender, mit jeder Bestätigung, und der Abgrund wurde unausweichlich. Als das Wort an mich kam, sagte ich: „Ja, ich kenne eine solche zehrende Dunkelheit. Aber sie füllt nicht alles aus. Sie trägt in sich einen Stern, einen kleinen Funken in der Schwärze, und gleich wie dunkel der Abgrund wird, der Stern ist immer da.“ Die mitfühlende Herrin sah mich an, wie man auf ein Kind blickt, das Fantasie nicht von Wahrheit trennen kann. „Diesen Stern gibt es nicht“, sagte sie mir sanft.  
So ging das Wort von Mund zu Mund. Einer nach dem anderen gab ihr recht, wiederholte ihr Bild mit eigenen Worten und eigenem Schmerz. Es war, als würde im Raum etwas immer dunkler, drückender, mit jeder Bestätigung, und der Abgrund wurde unausweichlich. Als das Wort an mich kam, sagte ich: „Ja, ich kenne eine solche zehrende Dunkelheit. Aber sie füllt nicht alles aus. Sie trägt in sich einen Stern, einen kleinen Funken in der Schwärze, und gleich wie dunkel der Abgrund wird, der Stern ist immer da.“ Die mitfühlende Herrin sah mich an, wie man auf ein Kind blickt, das Fantasie nicht von Wahrheit trennen kann. „Diesen Stern gibt es nicht“, sagte sie mir sanft.  
 
[[Datei:Labyrinth.jpg|right|thumb|500px|"Spiegellabyrinth", Aquarell]]
Ein andermal habe ich sie vor den Kopf gestoßen, und wollte es nicht einmal. Sie war nur so sehr Zentrum meines Blickes, ich habe so viel über sie nachgesonnen, dass ich begann, Facetten zu sehen in diesem geschliffenen Kristall. Sie war Herrin, ja. Aber irgendwo spürte ich sie auch als ein Mädchen, das mit Puppen spielt und sie tun und sagen lässt, was ihr gefällt. Ein Mädchen, das etwas sucht und nicht findet. Das allein ist. Es machte die Herrin nur noch liebenswürdiger, menschlicher in meinen Augen. Also habe ich ihr diese Gedanken angedeutet. Das war ein schwerer Fehler, ich hatte mich arg verschätzt. Es führte dazu, dass ich ihre Macht in aller Deutlichkeit kennenlernte.  
Ein andermal habe ich sie vor den Kopf gestoßen, und wollte es nicht einmal. Sie war nur so sehr Zentrum meines Blickes, ich habe so viel über sie nachgesonnen, dass ich begann, Facetten zu sehen in diesem geschliffenen Kristall. Sie war Herrin, ja. Aber irgendwo spürte ich sie auch als ein Mädchen, das mit Puppen spielt und sie tun und sagen lässt, was ihr gefällt. Ein Mädchen, das etwas sucht und nicht findet. Das allein ist. Es machte die Herrin nur noch liebenswürdiger, menschlicher in meinen Augen. Also habe ich ihr diese Gedanken angedeutet. Das war ein schwerer Fehler, ich hatte mich arg verschätzt. Es führte dazu, dass ich ihre Macht in aller Deutlichkeit kennenlernte.  


Was sie tat, kann ich nicht in gute Worte fassen. Sie wirkte ihre Kraft. Sie stürzte mich in Nebel, in ein dichtes Gespinst aus Verwirrung, und ich weiß nicht einmal genau, was mir geschah. Benommen wie ein Tier, dass gegen Glasscheiben prallte und bald mit gebrochenem Genick liegen bleiben muss. Sie wandte meine eigenen Gedanken gegen mich, wie eine Meute zerreißender Bestien. In verzweifelter Flucht, mich innerlich selbst zerfleischend, irrte ich durch spiegelnde Hallen, bis ich mich auf ihrem Wehrturm wiederfand. Durch Tränenschleier sah ich die Klippen hinter den Zinnen steil abfallen, und alles, was ich tun konnte, war: an mich halten.  
Was sie tat, kann ich nicht in gute Worte fassen. Sie wirkte ihre Kraft. Sie stürzte mich in Nebel, in ein dichtes Gespinst aus Verwirrung, und ich weiß nicht einmal genau, ''was'' mir geschah. Benommen wie ein Tier, dass gegen Glasscheiben prallte und bald mit gebrochenem Genick liegen bleiben muss. Sie wandte meine eigenen Gedanken gegen mich, wie eine Meute zerreißender Bestien. In verzweifelter Flucht, mich innerlich selbst zerfleischend, irrte ich durch spiegelnde Hallen, bis ich mich auf ihrem Wehrturm wiederfand. Durch Tränenschleier sah ich die Klippen hinter den Zinnen steil abfallen, und alles, was ich tun konnte, war: an mich halten.  


Ich habe sie danach nicht mehr in Frage gestellt. Es schien dann so zwingend, mich endlich ganz aufzugeben. So schwer, es nicht zu tun. Ich wollte für die Herrin still werden wie Wasser, wie eine Oberfläche die reglos und ohne Verwerfungen liegt. Immer leiser lagen darunter Gedanken und Gefühle wie ein Tier in der Falle, ein Falter im Spinnennetz. Du spürst: *etwas* ist nicht richtig, aber die Kraft fließt aus dir. Und wenn ich meinen Gegner nicht sehen kann, dann ist der einzige richtige Schluss doch der, dass ich es selber bin.  
Ich habe sie danach nicht mehr in Frage gestellt. Es schien dann so zwingend, mich endlich ganz aufzugeben. So schwer, es nicht zu tun. Ich wollte für die Herrin still werden wie Wasser, wie eine Oberfläche die reglos und ohne Verwerfungen liegt. Immer leiser lagen darunter Gedanken und Gefühle wie ein Tier in der Falle, ein Falter im Spinnennetz. Du spürst: ''*etwas*'' ist nicht richtig, aber die Kraft fließt aus dir. Und wenn ich meinen Gegner nicht sehen kann, dann ist der einzige richtige Schluss doch der, dass ich es selber bin.  


Doch trotz allem, etwas in mir blieb wach, und eines Nachts schreckte ich hoch.  
Doch trotz allem, etwas in mir blieb wach, und eines Nachts schreckte ich hoch.