Chronik.Ereignis1045 Puniner Geschichten 03: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Almada Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Amrit (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
K typo, links
 
(26 dazwischenliegende Versionen von 3 Benutzern werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
==[[Punin]] in Hesinde [[Annalen:1045|1045 BF]]==
==[[Baronie Kyrstollen]], Anfang Rahja [[Annalen:1045|1045 BF]]==
===Auf dem [[Junkergut Hellenwald]]===


'''Autor:''' [[Benutzer:Amarinto|Amarinto]], [[Benutzer:Amrit|Amrit]]
'''Autoren:''' [[Benutzer:Amarinto|Amarinto]], [[Benutzer:Amrit|Amrit]]


===Titel 1===
[[Xerog Sohn des Turgol|Xerog]] runzelte die Stirn, als sein Blick an Jandaras Oberarm hängen blieb. Dort, wo die Haut frisch vernarbt war, zog sich eine dünne rote Linie. Er schnaubte leise in seinen Bart, nahm einen Schluck Bier und meinte trocken: ''"Eine neue Zierde, hm? Lass mich raten – ein weiteres Ergebnis deiner grandiosen Ideen?"''


====Titel 2====
Jandara hob nur grinsend den Becher und prostete ihm zu. ''"Die besten Geschichten beginnen mit solchen Ideen, das solltest du doch inzwischen wissen.''


====In einer Taberna im [[Theaterviertel]]====
Der Zwerg zog eine Braue hoch und brummte.''"Oder sie enden mit einer Beerdigung."''


In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen Domna von Hellenwald, um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte.
''"Ach, Xerog."'' Sie lehnte sich zurück, das Funkeln in den Augen kaum verbergend. ''"Wenn du wüsstest, was hinter dieser Narbe steckt..."'''
 
''"Oh, ich fürchte, ich werde es schon sehr bald erfahren."''
 
==[[Punin]] im Hesindemond [[Annalen:1045|1045 BF]]==
===In einer Taberna im [[Theaterviertel]] (nach Mitternacht)===
 
In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Domna von Hellenwald]], um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte.


„…und als ich den Herren Magistrat dann tatsächlich im Fass wiedergefunden habe, schwör’ ich euch, er war beleidigt, dass der Wein vorher schon ausgetrunken war.“
„…und als ich den Herren Magistrat dann tatsächlich im Fass wiedergefunden habe, schwör’ ich euch, er war beleidigt, dass der Wein vorher schon ausgetrunken war.“
"Nein!!" ging  wieder ein ungläubig-begeistertes Aufrufen durch die Gruppe der Umstehenden. Die junge Adlige aus der Waldwacht lächelte zufrieden, lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus ihrem Becher.
"''Nein!!''" ging  wieder ein ungläubig-begeistertes Aufrufen durch die Gruppe der Umstehenden. Die junge Adlige aus der Waldwacht lächelte zufrieden, lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus ihrem Becher.


Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender.
Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender.


Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir verzeiht, aber ich würde Euch gerne etwas fragen."
Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir verzeihen, aber ich würde Euch gerne etwas fragen."
Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte.”Nur zu, fragt ruhig!”
Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte. ”Nur zu, fragt ruhig!”
 
[[Emilio Lampérez di Rueda|Emilio]] sprach ruhig zu [[Jandara Garlischgrötz von Hellenwald|Jandara]], gegen den umgebenden Lärm der Taverne: "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob Ihr Euch vorstellen könntet, Modell zu stehen?"


Emilio sprach ruhig zu Jandara, gegen den umgebenden Lärm der Taverne "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob ihr Euch vorstellen könntet, Modell zu stehen?"
Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“
Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“


Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb.
Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb.
   
   
„Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn ihr meine Zeit wollt, dann müsst ihr bereit sein, mich ebenso festzuhalten, wie ich bin – mit allen Federn, Krallen und, wenn es sein muss, auch mit dem Schnabel.“
„Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn Ihr meine Zeit wollt, dann müsst Ihr bereit sein, mich ebenso festzuhalten, wie ich bin – mit allen Federn, Krallen und, wenn es sein muss, auch mit dem Schnabel.“
Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet ihr es wagen, mein Herr?“ sagte sie schließlich in einer gewollt schlechten Imitation einer feinen Puniner Dame.
Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet Ihr es wagen, mein Herr?“, sagte sie schließlich in einer gewollt schlechten Imitation einer feinen Puniner Dame.
Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..."
 
Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich: "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..."
Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert.  
Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert.  


"Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?" sah er sie fragend an.
"Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?", sah er sie fragend an.
Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt ihr Wein im Atelier?”
Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt Ihr Wein im Atelier?” "Es ist nicht weit, liegt am Weg", widerholte er nur. Mit einem Seitenblick musterte er die Flasche.  
"Es ist nicht weit, liegt am Weg", widerholte er nur. Mit einem Seitenblick musterte er die Flasche. Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher Domna! Belleza! verlasst uns nicht…
 
Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher: ''"Domna! Belleza! verlasst uns nicht…"''
Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.”
Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.”


Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich.
Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich.


Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt ihr klettern?"
Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt Ihr klettern?"


Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.”
Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.”


====Irgendwo im Bezirk [[Yaquirhafen]]====
===Im Atelier in [[Yaquirhafen]]===
 
Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleeren Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten.  
Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleere Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten.  


Auf der steil hinaufführenden Holztreppe ging er achtsam unterhalb seines Gastes, um bereit zu sein falls sie straucheln sollte. Oben angelangt, ließ er die Domna von Hellenwald in seinen Atelierraum ein.
Auf der steil hinaufführenden Holztreppe ging er achtsam unterhalb seines Gastes, um bereit zu sein falls sie straucheln sollte. Oben angelangt, ließ er die Domna von Hellenwald in seinen Atelierraum ein.
Zeile 52: Zeile 62:
[[Datei:Seiltanzerin.jpg|right|thumb|300px|"Seiltänzerin", Öl auf Leinwand]]
[[Datei:Seiltanzerin.jpg|right|thumb|300px|"Seiltänzerin", Öl auf Leinwand]]
Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten.
Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten.
Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der blassblauen Himmel darüber wirkte wie helles Porzellan, welches aber oberhalb des Gebäudes in Bruchlinien zerbrach, um eine dahinterliegende, von wirbelnden und fluoreszierenden Phantasmen durchzogene Dunkelheit zu offenbaren.
Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der blassblaue Himmel darüber wirkte wie helles Porzellan, welches aber oberhalb des Gebäudes in Bruchlinien zerbrach, um eine dahinterliegende, von wirbelnden und fluoreszierenden Phantasmen durchzogene Dunkelheit zu offenbaren.


Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen.  
Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen.  
Zeile 59: Zeile 69:
Jandara verschränkte die Arme, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und trat einen Schritt näher an das Bild heran.
Jandara verschränkte die Arme, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und trat einen Schritt näher an das Bild heran.
„Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“
„Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“
Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt ihr nie zu Ende, was nach dem Schritt ins Leere kommt?“
 
Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt Ihr nie zu Ende, was nach dem Schritt ins Leere kommt?“


Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen:
Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen:
"**Das kleine Mädchen war vorsichtig und trat noch nicht ins Leere. Als sie älter wurde, hat sie eine Spur aus eigenem und fremdem Blut gezogen, Blutstropfen auf dem weißen Schnee, doch der Frost blieb.
"''Das kleine Mädchen war vorsichtig und trat noch nicht ins Leere. Als sie älter wurde, hat sie eine Spur aus eigenem und fremdem Blut gezogen, Blutstropfen auf dem weißen Schnee, doch der Frost blieb.''
Aber irgendwann hat sie gelernt, mit dem Feuer zu tanzen. Damit sind die Farben gekommen...**" Er schlug die Pinsel vorsichtig in das Tuch ein und verstaute sie. "**...und der Frostwald wurde zu einem blühenden Garten.**"
''Aber irgendwann hat sie gelernt, mit dem Feuer zu tanzen. Damit sind die Farben gekommen...''" Er schlug die Pinsel vorsichtig in das Tuch ein und verstaute sie. "''...und der Frostwald wurde zu einem blühenden Garten.''"


Die Leichtigkeit war ein wenig aus Jandaras Stimme verschwunden. Sie nickte abwesend. “Ich verstehe.”
Die Leichtigkeit war ein wenig aus Jandaras Stimme verschwunden. Sie nickte abwesend. “Ich verstehe.”
Zeile 69: Zeile 80:
Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen.
Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen.
„Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht.
„Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht.
„...also – wo wollt ihr mich?“
„...also – wo wollt Ihr mich?“


Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. **Unzählige Männer und einige Frauen**, hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete.  
Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. ''Unzählige Männer und einige Frauen'', hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete.  
Etwas Berückendes, Berauschendes, und sie wusste es.
Etwas Berückendes, Berauschendes, und sie wusste es.


Zeile 78: Zeile 89:


Jandara hob überrascht die Brauen, ihre Hände noch am Gürtel innegehalten.
Jandara hob überrascht die Brauen, ihre Hände noch am Gürtel innegehalten.
„**Ein Palazzo?**“ In ihrer Stimme lag ein warmes, ungläubiges Lachen, als hätte sie gerade ein Stück unerwarteter Süßspeise im Mund. „Ihr lockt mich doch nicht in ein feuchtkaltes Atelier, sondern in einen alten Palazzo?“
„''Ein Palazzo?''“ In ihrer Stimme lag ein warmes, ungläubiges Lachen, als hätte sie gerade ein Stück unerwarteter Süßspeise im Mund. „Ihr lockt mich doch nicht in ein feuchtkaltes Atelier, sondern in einen alten Palazzo?“


Sie griff nach dem Umhang, den Emilio ihr hinhielt, doch statt ihn sofort anzulegen, hielt sie das weiche, gefütterte Tuch einen Moment zwischen den Fingern, als wolle sie seinen Duft prüfen.
Sie griff nach dem Umhang, den Emilio ihr hinhielt, doch statt ihn sofort anzulegen, hielt sie das weiche, gefütterte Tuch einen Moment zwischen den Fingern, als wolle sie seinen Duft prüfen.
Zeile 86: Zeile 97:
„Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“
„Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“


====Nahe der Stadtmauer in [[Yaquirhafen]]====
===Nahe der Stadtmauer in [[Yaquirhafen]]===
 
Kurz darauf standen die beiden im schwachen Dämmerlicht der nahenden Tages vor dem alten Prachtbau des Palacio Abadessa. Er musste schon seit etlichen Jahrzehnten unbewohnt sein, denn die Fenster des Erdgeschosses waren mit Latten vernagelt, das Eingangstor mit Ketten gesichert. Die reich verzierte Fassade zeigte Zeichen beginnenden Verfalls, und wuchernde Pflanzen hatten bereits angefangen, von dem Gemäuer Besitz zu ergreifen
Kurz darauf standen die beiden im schwachen Dämmerlicht der nahenden Tages vor dem alten Prachtbau des Palacio Abadessa. Er musste schon seit etlichen Jahrzehnten unbewohnt sein, denn die Fenster des Erdgeschosses waren mit Latten vernagelt, das Eingangstor mit Ketten gesichert. Die reich verzierte Fassade zeigte Zeichen beginnenden Verfalls, und wuchernde Pflanzen hatten bereits angefangen, von dem Gemäuer Besitz zu ergreifen
Der junge di Rueda wies der Domna einen überwachsenen Balkon auf der südlichen Gebäudeseite. "Hier könnten wir hochklettern, ich habe auch ein Seil mit."  
Der junge di Rueda wies der Domna einen überwachsenen Balkon auf der südlichen Gebäudeseite. "Hier könnten wir hochklettern, ich habe auch ein Seil mit."  


Nach einer durchzechten Nacht war das von seiner Begleitung viel verlangt, das war Emilio klar, daher setzte er helfend hinzu: "Ihr habt erwähnt, dass ihr Bergziegen in der Ahnenreihe habt. Bei mir gibt es dafür Auelfen, und das führt immer wieder zu ...naja, Schwierigkeiten bei Trinkgelagen" Er lächelte etwas verlegen. "Daher kann ich Euch gerne etwas Gulmond anbieten."
Nach einer durchzechten Nacht war das von seiner Begleitung viel verlangt, das war Emilio klar, daher setzte er helfend hinzu: "Ihr habt erwähnt, dass Ihr Bergziegen in der Ahnenreihe habt. Bei mir gibt es dafür Auelfen, und das führt immer wieder zu ...naja, Schwierigkeiten bei Trinkgelagen" Er lächelte etwas verlegen. "Daher kann ich Euch gerne etwas Gulmond anbieten."
Er spähte an der Fassade entlang "Andernfalls können wir aber auch versuchen, auf der anderen Seite einige Latten wegzustemmen?" Er sah Jandara fragend an.
Er spähte an der Fassade entlang "Andernfalls können wir aber auch versuchen, auf der anderen Seite einige Latten wegzustemmen?" Er sah Jandara fragend an.


Zeile 109: Zeile 119:
Emilio, dessen Augen während ihres Aufstiegs nicht von der jungen Domna gewichen waren, sah nun mit einem warmen Lächeln und beeindrucktem Gesicht hoch. Dann ging er ans Gebäude, und testete die Festigkeit des Eisengeländes, indem er sich zweimal mit vollem Gewicht ins Seil hängte. Sah gut aus.  
Emilio, dessen Augen während ihres Aufstiegs nicht von der jungen Domna gewichen waren, sah nun mit einem warmen Lächeln und beeindrucktem Gesicht hoch. Dann ging er ans Gebäude, und testete die Festigkeit des Eisengeländes, indem er sich zweimal mit vollem Gewicht ins Seil hängte. Sah gut aus.  


Der Dom di Rueda wirkte anders als vorhin in der Stadt - weniger ernst und schwer, mehr wie ein Jugendlicher auf Abenteuer. Er erklomm nun ebenfalls die Fassade, unterstützt von dem Seil, und stand kurz darauf neben Jandara, wieder mit einem gelösten Lächeln.  
Der Dom di Rueda wirkte anders als vorhin in der Stadt - weniger ernst und schwer, mehr wie ein Jugendlicher auf Abenteuer. Er erklomm nun ebenfalls die Fassade, unterstützt von dem Seil, und stand kurz darauf neben Jandara, wieder mit einem gelösten Lächeln.
 
====Im Palacio Abadessa - Das Gemälde====


===Im Palacio Abadessa - Das Gemälde===
Dunkles, welkes Laub und kleine Zweigen überzogen den Boden der Loggia und knacksten leise unter den Schritten. Die Türe ins Gebäude stand bereits einen Spalt offen, und Jandara konnte sie aufschieben. Emilio löste mit geübter Bewegung das Seil vom Geländ, und blieb dann knapp hinter ihr. Erst durchschritten sie einen grünen Salon, dessen Wände mit ausgebleichten Fresken von Palmen und fruchttragenden Bäumen überzogen waren, dazwischen gemalte Äffchen und dekorative Vögel.  
Dunkles, welkes Laub und kleine Zweigen überzogen den Boden der Loggia und knacksten leise unter den Schritten. Die Türe ins Gebäude stand bereits einen Spalt offen, und Jandara konnte sie aufschieben. Emilio löste mit geübter Bewegung das Seil vom Geländ, und blieb dann knapp hinter ihr. Erst durchschritten sie einen grünen Salon, dessen Wände mit ausgebleichten Fresken von Palmen und fruchttragenden Bäumen überzogen waren, dazwischen gemalte Äffchen und dekorative Vögel.  


Die Bibliothek dahinter war in keinem guten Zustand, das Fenster zum Fluss hin stand offen, und dutzende Bücher waren über den Boden verstreut und hatten Feuchtigkeit aufgesogen. Emilio beugte sich nieder und hob einen Band auf, der seit Jahren offen vor dem Fenster lag. Zwischen den aufgeschlagenen Buchseiten wuchs zartes Gras. Er legte das Buch vorsichtig wieder nieder, an die alte Stelle. Die nordseitige Türe war verzogen und nicht zu öffnen, aber eine zweite Tür in den Korridor gab den Weg frei.
Die Bibliothek dahinter war in keinem guten Zustand, das Fenster zum Fluss hin stand offen, und dutzende Bücher waren über den Boden verstreut und hatten Feuchtigkeit aufgesogen. Emilio beugte sich nieder und hob einen Band auf, der seit Jahren offen vor dem Fenster lag. Zwischen den aufgeschlagenen Buchseiten wuchs zartes Gras. Er legte das Buch vorsichtig wieder nieder, an die alte Stelle. Die nordseitige Türe war verzogen und nicht zu öffnen, aber eine zweite Tür in den Korridor gab den Weg frei.
Der Korridor hatte streckenweise wenig Licht, in der Mitte des Gebäudes öffnete sich jedoch nach links hin eine großzügige, doppelt geschwungene marmorne Prunktreppe vor großen Bleiglasfenstern. Treppen, die höher hinauf führte, und hinab  in die Finsternis des untersten Stockwerks.  
Der Korridor hatte streckenweise wenig Licht, in der Mitte des Gebäudes öffnete sich jedoch nach links hin eine großzügige, doppelt geschwungene marmorne Prunktreppe vor großen Bleiglasfenstern. Treppen, die höher hinauf führte, und hinab  in die Finsternis des untersten Stockwerks.  


Zeile 121: Zeile 131:
Jandara ließ den Blick die Stufen hinauf und hinab gleiten, und das schwache Licht der Glasfenster spiegelte sich in ihren dunklen Augen. Einen Moment stand sie still, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als würde sie eine Bühne betreten, auf der sie gleich die erste Szene bestimmen durfte.
Jandara ließ den Blick die Stufen hinauf und hinab gleiten, und das schwache Licht der Glasfenster spiegelte sich in ihren dunklen Augen. Einen Moment stand sie still, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als würde sie eine Bühne betreten, auf der sie gleich die erste Szene bestimmen durfte.


„Ein Palazzo,“ sagte sie schließlich, fast ehrfürchtig, doch mit einem Unterton, der bereits wieder ins Spöttische glitt. „Verfallen, verwildert, aber immer noch stolz. Wie so viele adlige Häuser, die ich kenne.“ Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe der Prunktreppe, so leicht, als lausche sie, ob die alte Substanz ihr Geheimnisse zuflüstern würde.
„Ein Palazzo“, sagte sie schließlich, fast ehrfürchtig, doch mit einem Unterton, der bereits wieder ins Spöttische glitt. „Verfallen, verwildert, aber immer noch stolz. Wie so viele adlige Häuser, die ich kenne.“ Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe der Prunktreppe, so leicht, als lausche sie, ob die alte Substanz ihr Geheimnisse zuflüstern würde.


Dann wandte sie sich halb um, und ein schelmisches Lächeln umspielte ihren Mund. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir ein solches Bühnenbild zur Verfügung haben würden..“
Dann wandte sie sich halb um, und ein schelmisches Lächeln umspielte ihren Mund. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir ein solches Bühnenbild zur Verfügung haben würden.“


Ein trockenes Blatt, das der Wind durch ein zerbrochenes Fenster hereingeweht hatte, flatterte über den Boden, und Jandara hob es auf, drehte es zwischen Daumen und Zeigefinger. „Schaut, selbst die Bäume wollen hier drin noch eine Rolle spielen.“ Sie ließ es achtlos fallen, als wäre es eine Requisite, die ihren Dienst getan hatte, und stieg einige Stufen empor.
Ein trockenes Blatt, das der Wind durch ein zerbrochenes Fenster hereingeweht hatte, flatterte über den Boden, und Jandara hob es auf, drehte es zwischen Daumen und Zeigefinger. „Schaut, selbst die Bäume wollen hier drin noch eine Rolle spielen.“ Sie ließ es achtlos fallen, als wäre es eine Requisite, die ihren Dienst getan hatte, und stieg einige Stufen empor.
Mit jeder Stufe, die sie höher kam, wurde ihre Stimme leiser, fast ernster: „Es gefällt mir. Es hat etwas von einem Ort, an dem man Geschichten hinterlässt. Manche in Büchern… andere auf Leinwand.“
Mit jeder Stufe, die sie höher kam, wurde ihre Stimme leiser, fast ernster: „Es gefällt mir. Es hat etwas von einem Ort, an dem man Geschichten hinterlässt. Manche in Büchern… andere auf Leinwand.“


Sie drehte sich erneut zu Emilio, ihre Hand leicht auf dem Geländer, das kalt und feucht unter der Patina war. „Also, mein Herr Maler,“ fragte sie, die Augen funkelnd, „wollt ihr mich oben in einem goldenen Saal malen? Oder unten, zwischen Schatten und Moder? Beides passt zu mir – je nachdem, welche Seite ihr festhalten wollt.“
Sie drehte sich erneut zu Emilio, ihre Hand leicht auf dem Geländer, das kalt und feucht unter der Patina war. „Also, mein Herr Maler,“ fragte sie, die Augen funkelnd, „wollt Ihr mich oben in einem goldenen Saal malen? Oder unten, zwischen Schatten und Moder? Beides passt zu mir – je nachdem, welche Seite Ihr festhalten wollt.“


"Was ich an Orten wie diesem mag," meinte Emilio, während er neben ihr die Treppe hochstieg, "hier gibt es schwarzmodrige Flecken im Gold der Prunksäle, und in den zersetzten und zerfallenen dunklen Schatten findet man immer noch eingestreutes Gold."
"Was ich an Orten wie diesem mag", meinte Emilio, während er neben ihr die Treppe hochstieg, "hier gibt es schwarzmodrige Flecken im Gold der Prunksäle, und in den zersetzten und zerfallenen dunklen Schatten findet man immer noch eingestreutes Gold."


Nach dem Aufstieg traten sie durch eine prachtvolle doppelseitige Flügeltüre in einen kleinen Ballsaal mit hoher, bemalter Kassettendecke. Einzelne kunstvoll gefertigte Möbel standen noch im Raum. Geschnitzte Stühle, ein goldener Paravent. Über Kopf hing ein reichverzierter Luster aus hunderten, halb staubblinden Kristalltropfen. Eine Reihe hoher Glasfenster öffneten ostseitig den Blick zum Fluss hin, mittig lag hinter gläsernen Flügeltüre ein weiterer Balkon.  
Nach dem Aufstieg traten sie durch eine prachtvolle doppelseitige Flügeltüre in einen kleinen Ballsaal mit hoher, bemalter Kassettendecke. Einzelne kunstvoll gefertigte Möbel standen noch im Raum. Geschnitzte Stühle, ein goldener Paravent. Über Kopf hing ein reichverzierter Luster aus hunderten, halb staubblinden Kristalltropfen. Eine Reihe hoher Glasfenster öffneten ostseitig den Blick zum Fluss hin, mittig lag hinter gläsernen Flügeltüren ein weiterer Balkon.  
Der Boden aus Parkettornament war großteils noch intakt, an manchen Stellen lagen herabgefallene Bleikristalle oder hereingewehtes Laub, und zu einer Seite hin wuchs Moos zwischen den aufquellenden Ritzen des Holzbodens. Diese Stirnseite des Ballsaals zierte ein großer Spiegel, dessen antikes Silber vom Alter und der aufsteigenden Feuchte des Flusses stockfleckig und stellenweise schwarz war. Immergrüner Efeu rankte daneben und hatte schon die halbe Wand überwuchert.
Der Boden aus Parkettornament war großteils noch intakt, an manchen Stellen lagen herabgefallene Bleikristalle oder hereingewehtes Laub, und zu einer Seite hin wuchs Moos zwischen den aufquellenden Ritzen des Holzbodens. Diese Stirnseite des Ballsaals zierte ein großer Spiegel, dessen antikes Silber vom Alter und der aufsteigenden Feuchte des Flusses stockfleckig und stellenweise schwarz war. Immergrüner Efeu rankte daneben und hatte schon die halbe Wand überwuchert.


"Das ist der Ort" sagte Emilio, unwillkürlich leise in der Umgebung, obwohl sie ja alleine waren. "Hier würde ich dich gerne malen."  
"Das ist der Ort", sagte Emilio, unwillkürlich leise in der Umgebung, obwohl sie ja alleine waren. "Hier würde ich dich gerne malen."  


Der junge Mann holte aus einer Nische einige Längen schillernden roten Brokatstoffs. Er war offenbar vorbereitet. Mit der bestickten Seide im Arm trat er vor die Domna von Hellenwald. "Wenn es für Euch in Ordnung ist, würde ich Euch ersuchen, die Schultern frei zu machen. Und ich würde diesen Stoff an Euch drapieren?"  
Der junge Mann holte aus einer Nische einige Längen schillernden roten Brokatstoffs. Er war offenbar vorbereitet. Mit der bestickten Seide im Arm trat er vor die Domna von Hellenwald. "Wenn es für Euch in Ordnung ist, würde ich Euch ersuchen, die Schultern frei zu machen. Und ich würde diesen Stoff an Euch drapieren?"  
Zeile 146: Zeile 156:


Emilio hatte unwillkürlich den Atem angehalten bei den ersten Bewegungen der Waffe, lächelte nun aber zurück. Dann betrachtete er nochmals die Gesamtkomposition. Es sah mit der blitzenden Klinge tatsächlich noch besser aus, und er würde darauf achten, dass das Rapier im Bild das Licht reflektierte.  
Emilio hatte unwillkürlich den Atem angehalten bei den ersten Bewegungen der Waffe, lächelte nun aber zurück. Dann betrachtete er nochmals die Gesamtkomposition. Es sah mit der blitzenden Klinge tatsächlich noch besser aus, und er würde darauf achten, dass das Rapier im Bild das Licht reflektierte.  
[[Datei:Jandara-Palacio-Abadessa.jpg|left|thumb|340px|"Jandara im Palacio Abadessa", Öl auf Leinwand]]
Der junge Mann holte sich einen der Stühle in die Raummitte, sah wieder zu Jandara und gab ihr einige kurze Anweisungen zur Pose. Er sprach dabei ohne Höflichkeitsfloskeln und ohne Zögerlichkeit - es war deutlich, dass er eine solche Situation gewohnt war.
"Gut, die linke Schulter etwas zurück, Blick dort hinüber, zum hintersten Fenster, Kinn leicht senken." Jandara fügte sich in die ungewohnte Rolle, da es ihrem Ego schmeichelte und die Neugier auf das Resultat überwog.


Der junge Mann holte sich einen der Stühle in die Raummitte, sah wieder zu Jandara und gab ihr einige kurze Anweisungen zur Pose. Er sprach dabei ohne Höflichkeitsfloskeln und ohne Zögerlichkeit - es war deutlich, dass er eine solche Situation gewohnt war. "Gut, die linke Schulter etwas zurück, Blick dort hinüber, zum hintersten Fenster, Kinn leicht senken." Jandara fügte sich in die ungewohnte Rolle, da es ihrem Ego schmeichelte und die Neugier auf das Resultat überwog.
Emilio richtete nun mit wenigen, geübten Griffen seine Malutensilien, und begann, Jandara zu zeichnen.
Emilio richtete nun mit wenigen, geübten Griffen seine Malutensilien, und begann, Jandara zu zeichnen.
"Ich bin froh, dass Ihr mitgekommen seid." sagte er mit Blick auf sein Papier aber in ihre Richtung, während sein Stift die ersten Umrisse schraffierte. "Wirklich keine Selbstverständlichkeit..." er sprach leise, während er konzentriert eine geschwungene Linie über das Papier zog"...so jemanden zu finden wie Euch."
 
"Ich bin froh, dass Ihr mitgekommen seid", sagte er mit Blick auf sein Papier aber in ihre Richtung, während sein Stift die ersten Umrisse schraffierte. "Wirklich keine Selbstverständlichkeit..." Er sprach leise, während er konzentriert eine geschwungene Linie über das Papier zog "...so jemanden zu finden wie Euch."
Sie sagte nichts, aber ein Lächeln, an der Grenze zur Selbstgefälligkeit, schlich sich auf ihre Lippen.
Sie sagte nichts, aber ein Lächeln, an der Grenze zur Selbstgefälligkeit, schlich sich auf ihre Lippen.
Irgendwann wechselte der junge Maler zu Pinsel und Farben. Dann schob hinter dem silbrigen Fluss die Sonne ihre erste glosende Sichel über den Horizont, das Licht glitt über die Decke, die Wände, und übergoss Jandara mit sanftem, gold-rosigem Glühen.
Irgendwann wechselte der junge Maler zu Pinsel und Farben. Dann schob hinter dem silbrigen Fluss die Sonne ihre erste glosende Sichel über den Horizont, das Licht glitt über die Decke, die Wände, und übergoss Jandara mit sanftem, gold-rosigem Glühen.
Emilio hob den Blick und betrachtete sie einige Momente nur...die leuchtende Glut, die nun über das schwarze Haar und das ausdrucksvolle Antlitz der jungen Frau fiel. Auf ihre hellen Schultern, die die Zeichen von manchem Duell trugen. Der rotgoldene Stoff fing das Morgenlicht ein und schien förmlich aufzulodern unter ihr. Ihr Betrachter musste sich sichtlich zusammennehmen, um weiterzumalen. Im Raum herrschte nun eine fast meditative Stimmung, Jandara ruhig im warmen Licht stehend, Emilio versunken in die Arbeit.
Emilio hob den Blick und betrachtete sie einige Momente nur...die leuchtende Glut, die nun über das schwarze Haar und das ausdrucksvolle Antlitz der jungen Frau fiel. Auf ihre hellen Schultern, die die Zeichen von manchem Duell trugen. Der rotgoldene Stoff fing das Morgenlicht ein und schien förmlich aufzulodern unter ihr. Ihr Betrachter musste sich sichtlich zusammennehmen, um weiterzumalen. Im Raum herrschte nun eine fast meditative Stimmung, Jandara ruhig im warmen Licht stehend, Emilio versunken in die Arbeit.
"So, für heute fertig" sagte er einige Zeit später zu ihr. "Wollt Ihr einmal schauen?"
 
"So, für heute fertig", sagte er einige Zeit später zu ihr. "Wollt Ihr einmal schauen?"
 
Die junge Domna legte den Brokat ab und war auf halbem Weg, da drang plötzlich ein krachendes Scheppern aus dem untenliegenden Stockwerk. Jemand war im Gebäude mit ihnen.
Die junge Domna legte den Brokat ab und war auf halbem Weg, da drang plötzlich ein krachendes Scheppern aus dem untenliegenden Stockwerk. Jemand war im Gebäude mit ihnen.


====Im Palacio Abadessa - Schwierigkeiten====
===Im Palacio Abadessa - Schwierigkeiten===


Jandara erstarrte mitten in der Bewegung, das Scheppern hallte nach, begleitet von einem undeutlichen Stimmengewirr. Ihr Blick wanderte sofort zum Treppenabsatz, der ins Untergeschoss führte.
Jandara erstarrte mitten in der Bewegung, das Scheppern hallte nach, begleitet von einem undeutlichen Stimmengewirr. Ihr Blick wanderte sofort zum Treppenabsatz, der ins Untergeschoss führte.
„Nun“, murmelte sie, und die Leichtigkeit in ihrer Stimme war zurück – dieses Mal jedoch wie eine geschliffene Klinge. „Das klingt ganz und gar nicht nach Mäusen im Gebälk.“
„Nun“, murmelte sie, und die Leichtigkeit in ihrer Stimme war zurück – dieses Mal jedoch wie eine geschliffene Klinge. „Das klingt ganz und gar nicht nach Mäusen im Gebälk.“
Ohne weitere Worte zog sie ihre Rapiere aus der Doppelscheide und ließ sie prüfend durch die Luft zischen, bevor sie die Klinge knapp über den Boden hielt. Dann verschwand das verspielte Lächeln, und an seiner Stelle trat eine konzentrierte Ruhe.
Ohne weitere Worte zog sie ihre Rapiere aus der Doppelscheide und ließ sie prüfend durch die Luft zischen, bevor sie die Klinge knapp über den Boden hielt. Dann verschwand das verspielte Lächeln, und an seiner Stelle trat eine konzentrierte Ruhe.
Sie bedeutete Emilio mit einem Finger vor den Lippen zu schweigen, und schlich mit katzenhafter Vorsicht die Marmorstufen hinunter. Jeder ihrer Schritte war bedacht, die Muskeln angespannt, der Blick fokussiert.
Sie bedeutete Emilio mit einem Finger vor den Lippen zu schweigen, und schlich mit katzenhafter Vorsicht die Marmorstufen hinunter. Jeder ihrer Schritte war bedacht, die Muskeln angespannt, der Blick fokussiert.
Im Zwielicht des unteren Korridors konnte sie schließlich Gestalten ausmachen: Zwei kräftige Kerle, deren Kleider keine Zweifel ließen – ‘Grünröcke’, die Gardisten der Stadt Punin. Zwischen ihnen standen zwei ältere Anwohner, ein Mann und eine Frau, deren Gesichter von Sorge gezeichnet waren. Der Mann sprach mit den Schlägern, deutete in Richtung Treppe, die zum oberen Stockwerk führte. Offenbar waren sie es, die die Wächter gerufen hatten.
 
Im Zwielicht des unteren Korridors konnte sie schließlich Gestalten ausmachen: Zwei kräftige Kerle, deren Kleider keine Zweifel ließen – ‘[[Grünröcke]]’, die Gardisten der Stadt Punin. Zwischen ihnen standen zwei ältere Anwohner, ein Mann und eine Frau, deren Gesichter von Sorge gezeichnet waren. Der Mann sprach mit den Schlägern, deutete in Richtung Treppe, die zum oberen Stockwerk führte. Offenbar waren sie es, die die Wächter gerufen hatten.
Jandaras Griff um die Rapierhefte wurde fester. Einen Augenblick blieb sie verborgen, ließ den Blick über die Szene gleiten, und dann zog sie sich ebenso lautlos wieder nach oben zurück.
Jandaras Griff um die Rapierhefte wurde fester. Einen Augenblick blieb sie verborgen, ließ den Blick über die Szene gleiten, und dann zog sie sich ebenso lautlos wieder nach oben zurück.
Oben angekommen, trat sie wieder in den Ballsaal, in dem Emilio wartete. Sie sah ihn an, ihr Atem kontrolliert, die Stimme ruhig, aber mit dieser eigentümlich glimmenden Freude, die sie immer dann durchströmte, wenn ein Abend eine unvorhergesehene Wendung nahm.
Oben angekommen, trat sie wieder in den Ballsaal, in dem Emilio wartete. Sie sah ihn an, ihr Atem kontrolliert, die Stimme ruhig, aber mit dieser eigentümlich glimmenden Freude, die sie immer dann durchströmte, wenn ein Abend eine unvorhergesehene Wendung nahm.
„Zwei von den Hunden der Garde sind unten. Und zwei brave Bürger, die offenbar dachten, sie müssten die Nachtruhe mit Verstärkung schützen.“ Sie ließ die Klingen im Kerzenlicht kreisen, bevor sie die Spitzen sinken ließ.
„Zwei von den Hunden der Garde sind unten. Und zwei brave Bürger, die offenbar dachten, sie müssten die Nachtruhe mit Verstärkung schützen.“ Sie ließ die Klingen im Kerzenlicht kreisen, bevor sie die Spitzen sinken ließ.
Ein Grinsen stahl sich über ihr Gesicht, die Augen funkelten kampfeslustig. „Sieht so aus, als wäre der Abend gerade noch interessanter geworden. Ehrlich, ich hatte heute mit vielem gerechnet… aber nicht mit einem kleinen Kampf zum Dessert.“
Ein Grinsen stahl sich über ihr Gesicht, die Augen funkelten kampfeslustig. „Sieht so aus, als wäre der Abend gerade noch interessanter geworden. Ehrlich, ich hatte heute mit vielem gerechnet… aber nicht mit einem kleinen Kampf zum Dessert.“
Der di Rueda hatte eben ein Stoßgebet zu Phex geschickt, als er sah, wie Jandara sich mit ihren Waffen bereit zum Kampf machte. Seine Augen weiteten sich, und ließen deutlich erkennen, dass er gerade die Entscheidungsfähigkeit der jungen Domna schwer in Frage stellte.  
 
In Emilios Kopf überschlugen sich die Gedanken. Das war eine schlechte Idee, eine wirklich schlechte Idee. Es ging aber auch nicht an, Jandara alleine kämpfen zu lassen. Außerdem hatte sie ihm eben diesen ...Ritterschlag erteilt, was einen nicht zu leugnenden Effekt auf den jungen Mann hatte. Emilio murmelte einen leisen Kraftausdruck und zog sich das dunkle Halstuch übers Gesicht wie ein Strauchdieb.  
Der di Rueda hatte eben ein Stoßgebet zu Phex geschickt, als er sah, wie Jandara sich mit ihren Waffen bereit zum Kampf machte. Seine Augen weiteten sich, und ließen deutlich erkennen, dass er gerade die Entscheidungsfähigkeit der jungen Domna schwer in Frage stellte. In Emilios Kopf überschlugen sich die Gedanken. ''Das war eine schlechte Idee, eine wirklich schlechte Idee''. Es ging aber auch nicht an, Jandara alleine kämpfen zu lassen. Außerdem hatte sie ihm eben diesen ...''Ritterschlag'' erteilt, was einen nicht zu leugnenden Effekt auf den jungen Mann hatte.  
Jandaras amüsierten Seitenblick quitierte er mit einem halblauten, enervierten "Iff wohne in diefem Bezfirk", wobei es nicht half, dass das vorgebundene Tuch seiner Verständlichkeit einigen Abbruch tat.  
 
Am Gang waren nun Schritte zu hören.
Emilio murmelte einen leisen Kraftausdruck und zog sich das dunkle Halstuch übers Gesicht wie ein Strauchdieb. Jandaras amüsierten Seitenblick quitierte er mit einem halblauten, enervierten "''Iff wohne in diefem Bezfirk''", wobei es nicht half, dass das vorgebundene Tuch seiner Verständlichkeit einigen Abbruch tat.  
Der Dom di Rueda zog seine Waffe samt Parierdolch und ging in Position.
Am Gang waren nun Schritte zu hören. Der Dom di Rueda zog seine Waffe samt Parierdolch und ging in Position.
Jandara war bereit und empfing die Gardisten mit einem genussvollen: “Jetzt setzt es was ihr räudigen Hunde, verpisst euch zu euren, diesen schwanzlosen Dorftrottel und arroganten Vetteln von Ratsherren und Ratsherrinen!” Dann stürzte sie sich auch direkt auf den ersten der beiden.  
 
Jandara war bereit und empfing die Gardisten mit einem genussvollen: “Jetzt setzt es was, ihr räudigen Hunde, verpisst euch zu euren, diesen schwanzlosen Dorftrottel und arroganten Vetteln von Ratsherren und Ratsherrinen!” Dann stürzte sie sich auch direkt auf den ersten der beiden.  
 
Der andere eintretende Bewaffnete fackelte nicht lange und hastete mit gezogenem Rapier in Richtung des Vermummten. Mit hell klingendem Tönen trafen die Waffen aufeinander, gleitend und schlagend. Mehr noch als mit dem Gegner kämpfte Dom di Rueda aber gerade mit der Situation selbst.  
Der andere eintretende Bewaffnete fackelte nicht lange und hastete mit gezogenem Rapier in Richtung des Vermummten. Mit hell klingendem Tönen trafen die Waffen aufeinander, gleitend und schlagend. Mehr noch als mit dem Gegner kämpfte Dom di Rueda aber gerade mit der Situation selbst.  
Das alles erinnerte ihn viel zu sehr an Avessandro.
 
Emilio spürte das harte Pochen deines Herzen in den Halsschlagadern, ein seltsam betäubendes Kribbeln in den Händen, das sich ausweitete und ihm rauschend die Konzentration nahm, dazu ein Gefühl, als würde die Welt unter ihm nach hinten wegkippen, immerzu weg. Den ersten Schnitt über seinen Oberarm nahm er nur gedämpft wahr, als Hitze, die von der Stelle hochstieg. "Das kann es doch nicht sein" dachte er, sich fast trotzig auflehnend gegen die eigene Panikreaktion "Kann doch nicht sein, dass ich nie wieder fechten kann."  
Das alles erinnerte ihn viel zu sehr an [[Avessandro Lampérez di Rueda|Avessandro]].
Er schluckte, um das bittere Gefühl im Hals loszuwerden und redete sich selbst im Kopf zu "Konzentrier dich. Schau deinen Gegner an. Wer steht vor dir?"
 
Emilio spürte das harte Pochen seines Herzen in den Halsschlagadern, ein seltsam betäubendes Kribbeln in den Händen, das sich ausweitete und ihm rauschend die Konzentration nahm, dazu ein Gefühl, als würde die Welt unter ihm nach hinten wegkippen, immerzu weg. Den ersten Schnitt über seinen Oberarm nahm er nur gedämpft wahr, als Hitze, die von der Stelle hochstieg. "''Das kann es doch nicht sein''", dachte er, sich fast trotzig auflehnend gegen die eigene Panikreaktion "''Kann doch nicht sein, dass ich nie wieder fechten kann.''"
 
Er schluckte, um das bittere Gefühl im Hals loszuwerden und redete sich selbst im Kopf zu "''Konzentrier dich. Schau deinen Gegner an. Wer steht vor dir?''"
Der Mann war bullig und hatte einen offensiven Stil - noch weiter angefacht durch den ersten, einfachen Treffer. Emilio präsentierte also eine vermeintliche Blöße, um den Anderen zum vorhersehbaren Angriff zu verleitete. Dann Seitschritt, Stoß - und jetzt bluteten sie zumindest beide.  
Der Mann war bullig und hatte einen offensiven Stil - noch weiter angefacht durch den ersten, einfachen Treffer. Emilio präsentierte also eine vermeintliche Blöße, um den Anderen zum vorhersehbaren Angriff zu verleitete. Dann Seitschritt, Stoß - und jetzt bluteten sie zumindest beide.  
Emilio konnte nun auch wieder die Umgebung wahrnehmen. Jandara mit ihren zwei Rapieren wirkte in manchen Bewegungen wie eine Mantis, eine tödliche Praiosanbeterin.
Emilio konnte nun auch wieder die Umgebung wahrnehmen. Jandara mit ihren zwei Rapieren wirkte in manchen Bewegungen wie eine Mantis, eine tödliche Praiosanbeterin.
Jandara schien den Kampf zu genießen, als hätte sie auf diesen Moment nur gewartet. Ihre beiden Rapierklingen tanzten im Schein der aufgehenden Praiosscheibe, blitzten und schnitten, stießen und parierten in einem Wirbel, der ihre Gegner mehr verwirrte als alles andere.
Jandara schien den Kampf zu genießen, als hätte sie auf diesen Moment nur gewartet. Ihre beiden Rapierklingen tanzten im Schein der aufgehenden Praiosscheibe, blitzten und schnitten, stießen und parierten in einem Wirbel, der ihre Gegner mehr verwirrte als alles andere.
Der erste Gardist, ein grobschlächtiger Kerl mit Bartstoppeln und einer Kerbe im Ohr, hatte versucht, mit roher Kraft zuzuschlagen, doch Jandara wich aus, drehte sich halb und ließ die rechte Klinge nach vorn schnellen, während die linke die Attacke seitlich ablenkte. Ein Doppelschlag wie Zähne einer Falle. Der Mann fluchte und stolperte zurück, gerade rechtzeitig, um den nächsten Stoß gegen seinen Oberschenkel zu spüren.
Der erste Gardist, ein grobschlächtiger Kerl mit Bartstoppeln und einer Kerbe im Ohr, hatte versucht, mit roher Kraft zuzuschlagen, doch Jandara wich aus, drehte sich halb und ließ die rechte Klinge nach vorn schnellen, während die linke die Attacke seitlich ablenkte. Ein Doppelschlag wie Zähne einer Falle. Der Mann fluchte und stolperte zurück, gerade rechtzeitig, um den nächsten Stoß gegen seinen Oberschenkel zu spüren.
Ein zweiter Hieb seines Degenarms schnitt Jandara über den Unterarm. Das heiße Brennen riss sie kurz aus der Raserei, aber statt zurückzuweichen, knurrte sie nur auf, biss die Zähne zusammen und presste die Lippen zu einem schmalen, kampfeslüsternen Grinsen. Blut rann ihr den Ärmel hinab, tropfte zu Boden, doch ihre Bewegungen wurden nicht langsamer. Im Gegenteil: Sie trieb den Mann mit einem regelrechten Sturm aus schnellen, wechselnden Stichen vor sich her, ließ die rechte Klinge führen und die linke wie ein züngelndes Raubtier nachsetzen.
Ein zweiter Hieb seines Degenarms schnitt Jandara über den Unterarm. Das heiße Brennen riss sie kurz aus der Raserei, aber statt zurückzuweichen, knurrte sie nur auf, biss die Zähne zusammen und presste die Lippen zu einem schmalen, kampfeslüsternen Grinsen. Blut rann ihr den Ärmel hinab, tropfte zu Boden, doch ihre Bewegungen wurden nicht langsamer. Im Gegenteil: Sie trieb den Mann mit einem regelrechten Sturm aus schnellen, wechselnden Stichen vor sich her, ließ die rechte Klinge führen und die linke wie ein züngelndes Raubtier nachsetzen.
Der Ordnungshüter kam kaum noch zum Atmen, geschweige denn zu einem ordentlichen Gegenangriff. Jandara drehte sich unter einer überhasteten Finte hinweg, trat ihm dabei mit der Stiefelspitze hart gegen das Schienbein, und als er reflexartig die Deckung hob, nutzte sie die Lücke: Der linke Rapier peitschte von unten hoch, riss ihm den Degenarm zur Seite, während die rechte Klinge blitzte und ihm die Brust streifte.
Der Ordnungshüter kam kaum noch zum Atmen, geschweige denn zu einem ordentlichen Gegenangriff. Jandara drehte sich unter einer überhasteten Finte hinweg, trat ihm dabei mit der Stiefelspitze hart gegen das Schienbein, und als er reflexartig die Deckung hob, nutzte sie die Lücke: Der linke Rapier peitschte von unten hoch, riss ihm den Degenarm zur Seite, während die rechte Klinge blitzte und ihm die Brust streifte.
Sein Fluch glich einem gequälten Heulen. Er taumelte, versuchte erneut, Druck aufzubauen, doch Jandara wich schon wieder aus, ließ ihre Körpermitte tief sinken und konterte mit einem Stich, der nur knapp an seinem Hals vorbeiging.
Sein Fluch glich einem gequälten Heulen. Er taumelte, versuchte erneut, Druck aufzubauen, doch Jandara wich schon wieder aus, ließ ihre Körpermitte tief sinken und konterte mit einem Stich, der nur knapp an seinem Hals vorbeiging.
„Na los, Hund“, zischte sie, Schweiß und Blut glänzend auf ihrer Stirn, „zeig mir, dass du mehr kannst, als mir den Ärmel zu ruinieren!“
„Na los, Hund“, zischte sie, Schweiß und Blut glänzend auf ihrer Stirn, „zeig mir, dass du mehr kannst, als mir den Ärmel zu ruinieren!“
Der Gardist knurrte zurück, doch jeder Schritt, den er machte, brachte ihn näher an die Wand. Jandaras Rapiere kreisten wie ein Paar gieriger Falken über ihm, bereit, immer wieder einzuschlagen. Sie war verletzt – und doch war sie es, die ihn in arge Bedrängnis brachte, mit einer Wildheit, die ebenso kunstvoll wie gnadenlos wirkte.
Der Gardist knurrte zurück, doch jeder Schritt, den er machte, brachte ihn näher an die Wand. Jandaras Rapiere kreisten wie ein Paar gieriger Falken über ihm, bereit, immer wieder einzuschlagen. Sie war verletzt – und doch war sie es, die ihn in arge Bedrängnis brachte, mit einer Wildheit, die ebenso kunstvoll wie gnadenlos wirkte.
Der Dom di Rueda ließ sich von seinem Gegner unterdessen unter einem Hagel von abgewehrten Klingenhieben rückwärts durch den Raum treiben. Dabei umrundete er halb den noch in der Saalmitte befindlichen Stuhl, welcher nun wie ein Hindernis zwischen ihm und dem Kontrahenden stand. Emilio deutete ein Finte an, trat dann das Möbelstück mit Wucht in Richtung des Grünrocks und nutzte die dadurch gewonnene Überraschung, den eigentlichen Treffer zu setzen.
Der Dom di Rueda ließ sich von seinem Gegner unterdessen unter einem Hagel von abgewehrten Klingenhieben rückwärts durch den Raum treiben. Dabei umrundete er halb den noch in der Saalmitte befindlichen Stuhl, welcher nun wie ein Hindernis zwischen ihm und dem Kontrahenden stand. Emilio deutete ein Finte an, trat dann das Möbelstück mit Wucht in Richtung des Grünrocks und nutzte die dadurch gewonnene Überraschung, den eigentlichen Treffer zu setzen.
Der Gardist bellte eine wütende, befehlsartige Anweisung zu dem  - bis dahin unschlüssig im Türeingang stehenden - Mitglied der Bürgerwehr, woraufhin sich dieser ermannte und dem Kampf beitrat. Auch wenn der neue Gegner weniger geübt war, das Risiko für die zwei jungen Adeligen war nun spürbar erhöht. Sie mussten jederzeit darauf achten, dass ihnen keiner in den Rücken fiel.
Der Gardist bellte eine wütende, befehlsartige Anweisung zu dem  - bis dahin unschlüssig im Türeingang stehenden - Mitglied der Bürgerwehr, woraufhin sich dieser ermannte und dem Kampf beitrat. Auch wenn der neue Gegner weniger geübt war, das Risiko für die zwei jungen Adeligen war nun spürbar erhöht. Sie mussten jederzeit darauf achten, dass ihnen keiner in den Rücken fiel.
Selbst mit beidhändigem Kampf war es schwer, die Angriffe abzuwehren. Emilio focht verbissen und konzentriert - Ausfallsschritt, Zurückweichen, Waffen hoch zum Block - Gegnerklinge seitlich wegschlagen, Ausfallschritt und Stich, zurück...Dann machte er einen kleinen Fehler, wich nicht weit genug aus, und die Klingenspitze des Gardisten durchbohrte seine Seite. Der Schmerz dieses ernsthaften Treffers brandete weißglühend auf, und Emilio ging in der verletzten Seite unwillkürlich ins Knie. Sofort holte der Gegner aus, einen zweiten Treffer nachzusetzen.  
Selbst mit beidhändigem Kampf war es schwer, die Angriffe abzuwehren. Emilio focht verbissen und konzentriert - Ausfallsschritt, Zurückweichen, Waffen hoch zum Block - Gegnerklinge seitlich wegschlagen, Ausfallschritt und Stich, zurück...Dann machte er einen kleinen Fehler, wich nicht weit genug aus, und die Klingenspitze des Gardisten durchbohrte seine Seite. Der Schmerz dieses ernsthaften Treffers brandete weißglühend auf, und Emilio ging in der verletzten Seite unwillkürlich ins Knie. Sofort holte der Gegner aus, einen zweiten Treffer nachzusetzen.  
Jandara sah den Stich, sah Emilios kurzes Einknicken – und in einem Reflex war sie schon da. Ihre linke Klinge riss die gegnerische Waffe beiseite, die rechte fuhr dazwischen wie der Schnabel eines Raubvogels, zwang den Gardisten zurück. „Nicht sterben, Maler,“ knurrte sie, ohne ihn anzusehen, „dafür ist der Abend zu jung.“
 
Jandara sah den Stich, sah Emilios kurzes Einknicken – und in einem Reflex war sie schon da. Ihre linke Klinge riss die gegnerische Waffe beiseite, die rechte fuhr dazwischen wie der Schnabel eines Raubvogels, zwang den Gardisten zurück. „Nicht sterben, Maler“, knurrte sie, ohne ihn anzusehen, „dafür ist der Abend zu jung.“
Doch während sie ihn deckte, spürte sie selbst, wie das Blut warm ihren Arm hinabrann. Noch ein Gegner mehr, und sie würden hier im Ballsaal untergehen. Ihr Blick flog zu den hohen Fenstern, zu den Balkonen, zu den zerbrochenen Giebeln – ein Ausweg, wenn auch riskant.
Doch während sie ihn deckte, spürte sie selbst, wie das Blut warm ihren Arm hinabrann. Noch ein Gegner mehr, und sie würden hier im Ballsaal untergehen. Ihr Blick flog zu den hohen Fenstern, zu den Balkonen, zu den zerbrochenen Giebeln – ein Ausweg, wenn auch riskant.
„Rückzug!“ zischte sie, laut und scharf genug, dass Emilio sie verstand. „Nach oben!“ Schon stieß sie den taumelnden Gardisten mit einem Fußtritt zurück und drängte den zweiten mit einem wütenden Schlag gegen die Klinge zur Seite. Ein Rückzugsgefecht – sie deckte Emilios Bewegung, während sie sich gemeinsam Schritt für Schritt in Richtung der großen Flügeltür bewegten, die hinaus zum Balkon führte.
 
„Rückzug!“, zischte sie, laut und scharf genug, dass Emilio sie verstand. „Nach oben!“ Schon stieß sie den taumelnden Gardisten mit einem Fußtritt zurück und drängte den zweiten mit einem wütenden Schlag gegen die Klinge zur Seite. Ein Rückzugsgefecht – sie deckte Emilios Bewegung, während sie sich gemeinsam Schritt für Schritt in Richtung der großen Flügeltür bewegten, die hinaus zum Balkon führte.
 
Die Gegner drängten nach, wild und entschlossen. Klingen kreischten, Funken stoben, Jandara spürte die Müdigkeit in den Muskeln, aber ihre Technik blieb präzise: Mit dem rechten Rapier stieß sie, mit dem linken parierte sie – unablässig, wie eine Tänzerin, die das Taktmaß vorgibt.
Die Gegner drängten nach, wild und entschlossen. Klingen kreischten, Funken stoben, Jandara spürte die Müdigkeit in den Muskeln, aber ihre Technik blieb präzise: Mit dem rechten Rapier stieß sie, mit dem linken parierte sie – unablässig, wie eine Tänzerin, die das Taktmaß vorgibt.
Endlich hatten sie den Balkon erreicht. Kalte Winterluft schlug ihnen entgegen, der Schnee stob unter den Stiefeln. Mit knirschendem Geräusch verkeilte Emilio seinen Klingenbrecher zwischen den Türgriffen, um die Verfolger zumindest für einen Moment noch zurückzuhalten.


====Über den Dächern====
Endlich hatten sie den Balkon erreicht. Kalte Winterluft schlug ihnen entgegen, der Schnee stob unter den Stiefeln. Mit knirschendem Geräusch verkeilte Emilio seinen Klingenbrecher zwischen den Türgriffen, um die Verfolger zumindest für einen Moment noch zurückzuhalten.
 
===Nahe der Stadtmauer in Yaquirhafen===


Vor ihnen lag nur das Geländer, darüber das Dach des Palazzos – schneebedeckt, steil, aber erreichbar.
Vor ihnen lag nur das Geländer, darüber das Dach des Palazzos – schneebedeckt, steil, aber erreichbar.
„Da rauf,“ keuchte Jandara, packte Emilio grob am Ärmel, zog ihn mit. Ohne weiter zu zögern setzte sie den Stiefel auf die bröckelnde Balustrade, zog sich hinauf und streckte ihm eine Hand entgegen. Gemeinsam erreichten sie das Dach, glitschig unter Schnee, doch oben hatten sie wenigstens für den Moment Luft. Hinter ihnen hörte man schon die Gegner, wie sie durch die Türen brachen.
„Da rauf“, keuchte Jandara, packte Emilio grob am Ärmel, zog ihn mit. Ohne weiter zu zögern setzte sie den Stiefel auf die bröckelnde Balustrade, zog sich hinauf und streckte ihm eine Hand entgegen. Gemeinsam erreichten sie das Dach, glitschig unter Schnee, doch oben hatten sie wenigstens für den Moment Luft. Hinter ihnen hörte man schon die Gegner, wie sie durch die Türen brachen.
 
Jandaras Blick glitt über den Abstand zum nächsten Haus – keine zwei Schritt entfernt, aber tief unten gähnte die Leere. „Also, Maler, Zeit zu springen. Wenn du fällst, male ich dir Flügel auf den Grabstein.“
Jandaras Blick glitt über den Abstand zum nächsten Haus – keine zwei Schritt entfernt, aber tief unten gähnte die Leere. „Also, Maler, Zeit zu springen. Wenn du fällst, male ich dir Flügel auf den Grabstein.“
Und ohne weiter abzuwarten, lief sie an, sprang vom Dachfirst ab – ein kühner Satz über die Leere hinweg. Schnee sprühte auf, als sie krachend auf den Ziegeln des nächsten Daches landete, sich mühsam abrollte, und herumfuhr, um zu sehen, ob ihr Begleiter folgen konnte.
Und ohne weiter abzuwarten, lief sie an, sprang vom Dachfirst ab – ein kühner Satz über die Leere hinweg. Schnee sprühte auf, als sie krachend auf den Ziegeln des nächsten Daches landete, sich mühsam abrollte, und herumfuhr, um zu sehen, ob ihr Begleiter folgen konnte.
Flügel auf den Grabstein, das würde man mal sehen... Emilio verlagerte das Gewicht, stieß sich ab und landete mit einem dumpfen Aufächzen auf dem etwas tiefer liegenden, weiß gleißenden Flachdach des Nebengebäudes. Warmes Blut tröpfelte auf die Schneedecke, und einen Moment dachte er zurück an das Gespräch im Atelier. Dann rappelte er sich auf und bedeutete Jandara mit kurzem Kopfnicken, dass es weitergehen konnte.
 
''Flügel auf den Grabstein, das würde man mal sehen''... Emilio verlagerte das Gewicht, stieß sich ab und landete mit einem dumpfen Aufächzen auf dem etwas tiefer liegenden, weiß gleißenden Flachdach des Nebengebäudes. Warmes Blut tröpfelte auf die Schneedecke, und einen Moment dachte er zurück an das Gespräch im Atelier. Dann rappelte er sich auf und bedeutete Jandara mit kurzem Kopfnicken, dass es weitergehen konnte.
 
Hinter ihnen stürmten die Gardisten auf das Dach des Palazzos – doch da waren die beiden schon in Bewegung, weiter über die Dächer des Theaterviertels, im ersten Licht des winterlichen Morgens.
Hinter ihnen stürmten die Gardisten auf das Dach des Palazzos – doch da waren die beiden schon in Bewegung, weiter über die Dächer des Theaterviertels, im ersten Licht des winterlichen Morgens.
Über einen verbindenden Stützpfeiler gelangten sie auf die Stadtmauer und konnten dort am Wehrgang zumindest außer Sichtweite der Verfolger laufen. Ein sicherer Pfad war es allerdings nicht, konnten hier doch jederzeit Wächter auftauchen...wenn auch zum Glück gerade keiner in Sicht war.  
Über einen verbindenden Stützpfeiler gelangten sie auf die Stadtmauer und konnten dort am Wehrgang zumindest außer Sichtweite der Verfolger laufen. Ein sicherer Pfad war es allerdings nicht, konnten hier doch jederzeit Wächter auftauchen...wenn auch zum Glück gerade keiner in Sicht war.  
Emilio spähte zwischen den Zinnen in beide Richtungen. Stadtwärts waren bereits Menschen unterwegs in diesen Morgenstunden. Flussseitig lagen einige Kähne und Hausboote vertäut. Er knüpfte also eine Schlaufe ans Ende seines Seiles, schob diese über einen Eisenkrampen an der Außenseite der Mauer und schwang sich dann über die Zinnen. Die Mauer war glatt gefügt, aber nicht übermäßig hoch an dieser Stelle. Unten angekommen wartete er auf Jandara, bevor er mit einer schlenkernden Bewegung die Seilschlaufe von der Mauer löste.  
Emilio spähte zwischen den Zinnen in beide Richtungen. Stadtwärts waren bereits Menschen unterwegs in diesen Morgenstunden. Flussseitig lagen einige Kähne und Hausboote vertäut. Er knüpfte also eine Schlaufe ans Ende seines Seiles, schob diese über einen Eisenkrampen an der Außenseite der Mauer und schwang sich dann über die Zinnen. Die Mauer war glatt gefügt, aber nicht übermäßig hoch an dieser Stelle. Unten angekommen wartete er auf Jandara, bevor er mit einer schlenkernden Bewegung die Seilschlaufe von der Mauer löste.  
Von den Hausbooten stieg kein Rauch auf und es waren auch sonst keine Lebenszeichen zu sehen. Emilio trat vom Dock auf die sachte schwankende Reling eines Bootes, und drehte sich dann zu Jandara, um ihr einen Arm zu reichen - reine Formsache, wie ihm bewusst war nach deren halsbrecherischen Sprung über die Häuserschlucht gerade eben. Sie ergriff seine Hand, nicht ohne einen ironischen Hofknicks anzudeuten, und sprang hinüber auf das Boot.
 
Das Schloss an der Türe war einfachster Machart, er kauerte sich also davor und hatte es rasch geöffnet. Mit entschuldigendem Blick sah er danach zur Domna von Hellenwald hoch und meinte "Ich war mal längere Zeit wo eingesperrt. Danach war mir einfach wichtig, diese Sache zu lernen."
Von den Hausbooten stieg kein Rauch auf und es waren auch sonst keine Lebenszeichen zu sehen. Emilio trat vom Dock auf die sachte schwankende Reling eines Bootes, und drehte sich dann zu Jandara, um ihr einen Arm zu reichen - reine Formsache, wie ihm bewusst war nach deren halsbrecherischem Sprung über die Häuserschlucht gerade eben. Sie ergriff seine Hand, nicht ohne einen ironischen Hofknicks anzudeuten, und sprang hinüber auf das Boot.
Jandara zuckte mit den Achseln. “Mein ganzes Leben ist ein einziger Ausbruchsversuch, ich wäre die Letzte, die Euch dafür verurteilen würde.”
 
Sie traten nun in das Innere des kleinen Häuschens. Der Raum lag in Zwielicht, war aber durchaus gemütlich und ließ mit seinen sonnengelben Vorhängen und den beschnitzten und bunt bemalten Holzwänden an einen Zahoriwagen denken. Man hörte das ruhige Schwappen des Flusswassers gegen die Außenwand, sonst war alles still. Emilio ließ sich mit einem erleichterten Ausatmen auf der Pritsche nieder und sah Jandara an.  
Das Schloss an der Türe war einfachster Machart, er kauerte sich also davor und hatte es rasch geöffnet. Mit entschuldigendem Blick sah er danach zur Domna von Hellenwald hoch und meinte: "Ich war mal längere Zeit wo eingesperrt. Danach war mir einfach wichtig, diese Sache zu lernen." Jandara zuckte mit den Achseln. “Mein ganzes Leben ist ein einziger Ausbruchsversuch, ich wäre die Letzte, die Euch dafür verurteilen würde.”
"Du bist von allen guten Geistern verlassen." sagte er ihr dann im Tonfall einer freundlichen Feststellung. Jandara nickte zustimmend, während sie ihre Wunden begutachtete. “Ja, das höre ich immer wieder, also muss es wohl stimmen.” Sie zwinkerte Emilio zu. “Ein glorreicher Abschluss für diesen Abend, will ich meinen!”
 
Er nickte. “Jedenfalls danke, dass du mir geholfen hast, dort lebend rauszukommen” setzte Emilio warm nach.  
Sie traten nun in das Innere des kleinen Häuschens. Der Raum lag in Zwielicht, war aber durchaus gemütlich und ließ mit seinen sonnengelben Vorhängen und den beschnitzten und bunt bemalten Holzwänden an einen Zahoriwagen denken. Man hörte das ruhige Schwappen des Flusswassers gegen die Außenwand, sonst war alles still.  
Er öffnete jetzt probeweise ein oder zwei in die Wand eingelassene Schränkchen und fand rasch, worauf er gehofft hatte: Frisch gewaschene Leintücher, und sogar Hemden. Sehr gut, das hieß sie mussten nach der ersten Wundversorgung nicht wieder zurück in blutgetränkte Kleidung. Der junge Mann beschloss für sich, den unwissenden Gastgebern eine ausreichende Menge Silbermünzen zurückzulassen. Nachdem er vom Leinenstoff einige lange Streifen abgetrennt hatte, wandte er sich im Sinne der Höflichkeit von seiner Begleiterin ab, bevor er die Oberbekleidung ablegte und begann, seine Taille zu bandagieren, denn den Oberarm. Am oberen Rücken hatte er Tätowierungen: Ein grün-silberner Nachtfalter unter achtstrahligem Stern, links und rechts daneben auf den Schulterblättern den Traum- und den Totenraben. Sobald seine Erstversorgung abgeschlossen war, und er eines der bereitliegenden Hemden übergezogen hatte, wandte er sich wieder Jandara zu, um ihr eine Bandage hinzuhalten - eine Einladung, diese wahlweise entgegenzunehmen oder sich helfen zu lassen.
 
Emilio ließ sich mit einem erleichterten Ausatmen auf der Pritsche nieder und sah Jandara an. "Du bist von allen guten Geistern verlassen", sagte er ihr dann im Tonfall einer freundlichen Feststellung. Jandara nickte zustimmend, während sie ihre Wunden begutachtete. “Ja, das höre ich immer wieder, also muss es wohl stimmen.” Sie zwinkerte Emilio zu. “Ein glorreicher Abschluss für diesen Abend, will ich meinen!” Er nickte. “Jedenfalls danke, dass du mir geholfen hast, dort lebend rauszukommen”, setzte Emilio warm nach.  
 
Er öffnete jetzt probeweise ein oder zwei in die Wand eingelassene Schränkchen und fand rasch, worauf er gehofft hatte: Frisch gewaschene Leintücher, und sogar Hemden. Sehr gut, das hieß sie mussten nach der ersten Wundversorgung nicht wieder zurück in blutgetränkte Kleidung. Der junge Mann beschloss für sich, den unwissenden Gastgebern eine ausreichende Menge Silbermünzen zurückzulassen. Nachdem er vom Leinenstoff einige lange Streifen abgetrennt hatte, wandte er sich im Sinne der Höflichkeit von seiner Begleiterin ab, bevor er die Oberbekleidung ablegte und begann, seine Taille zu bandagieren, denn den Oberarm. Am oberen Rücken hatte er Tätowierungen: Ein grün-silberner Nachtfalter unter achtstrahligem Stern, links und rechts daneben auf den Schulterblättern den Traum- und den Totenraben.  
 
Sobald seine Erstversorgung abgeschlossen war, und er eines der bereitliegenden Hemden übergezogen hatte, wandte er sich wieder Jandara zu, um ihr eine Bandage hinzuhalten - eine Einladung, diese wahlweise entgegenzunehmen oder sich helfen zu lassen.


Jandara öffnete die blutsteifen Ärmel und zog mit einem gepressten Atemzug das Hemd über den Kopf. Darunter trug sie ein schlichtes, fest verschnürtes Mieder – nichts, das um Aufmerksamkeit bat, eher etwas, das dafür sorgte, dass sie sich beim Fechten frei bewegen konnte und Messer ablenkte. „Praktisch schlägt hübsch“, murmelte sie, als erkläre das allein ihre Lebensphilosophie.
Jandara öffnete die blutsteifen Ärmel und zog mit einem gepressten Atemzug das Hemd über den Kopf. Darunter trug sie ein schlichtes, fest verschnürtes Mieder – nichts, das um Aufmerksamkeit bat, eher etwas, das dafür sorgte, dass sie sich beim Fechten frei bewegen konnte und Messer ablenkte. „Praktisch schlägt hübsch“, murmelte sie, als erkläre das allein ihre Lebensphilosophie.
Zeile 220: Zeile 270:


Einen Moment ließ sie die Schultern sinken, der Kopf lehnte kurz gegen die kühle Bretterwand. Das Schwappen des Wassers, das leise Knarren des Rumpfes, ihr Atem, seiner. Die Hektik des Morgens fiel ab wie Staub.
Einen Moment ließ sie die Schultern sinken, der Kopf lehnte kurz gegen die kühle Bretterwand. Das Schwappen des Wassers, das leise Knarren des Rumpfes, ihr Atem, seiner. Die Hektik des Morgens fiel ab wie Staub.
„Hm,“ sagte sie leiser, „ich hatte mir einen amüsanten Abend versprochen. Vielleicht etwas Wein, ein paar freche Worte, ein Bild, das mir später schmeichelt. Ich habe… mehr bekommen, als ich verlangt habe.“ Ein schiefes, echtes Lächeln. „Ich habe es genossen. Überraschenderweise sogar sehr.“ Emilio arbeitete weiter, wirkte aber merklich froh bei dieser Eröffnung.  
„Hm“, sagte sie leiser, „ich hatte mir einen amüsanten Abend versprochen. Vielleicht etwas Wein, ein paar freche Worte, ein Bild, das mir später schmeichelt. Ich habe… mehr bekommen, als ich verlangt habe.“ Ein schiefes, echtes Lächeln. „Ich habe es genossen. Überraschenderweise sogar sehr.“  
Sie griff nach dem beiseitegelegten Hemd, sah den dunkelroten Fleck am Ärmel und ließ es wieder sinken. Es war ruiniert, zum Glück war es nicht ihr Lieblingshemd.
 
Emilio arbeitete weiter, wirkte aber merklich froh bei dieser Eröffnung. Sie griff nach dem beiseitegelegten Hemd, sah den dunkelroten Fleck am Ärmel und ließ es wieder sinken. Es war ruiniert, zum Glück war es nicht ihr Lieblingshemd.


„Also.“ Sie hob den Blick. „Was wird nun aus dem Bild? Hängt es bald in einem Salon, wo gelangweilte Herren und Damen darüber streiten, ob mein Kinn zu trotzig ist? Verschwindet es in einem Depot, bis irgendein Enkel es findet? Oder…“ Sie legte den Kopf leicht schräg, das vertraute Funkeln zurück. „…passiert damit etwas Interessantes?“
„Also.“ Sie hob den Blick. „Was wird nun aus dem Bild? Hängt es bald in einem Salon, wo gelangweilte Herren und Damen darüber streiten, ob mein Kinn zu trotzig ist? Verschwindet es in einem Depot, bis irgendein Enkel es findet? Oder…“ Sie legte den Kopf leicht schräg, das vertraute Funkeln zurück. „…passiert damit etwas Interessantes?“


Zoll für Zoll legte Emilio Verbandsstreifen um den Arm der Domna, mit geübtem Druck, während er über ihre Frage nachdachte.
Zoll für Zoll legte Emilio Verbandsstreifen um den Arm der Domna, mit geübtem Druck, während er über ihre Frage nachdachte.
„Mir ist an dem Bild gelegen. Ich werde es wohl in meiner Nähe behalten wollen.“ sagte er schlicht. Er sah hoch und sein Blick traf den der Adeligen aus der Waldwacht. Die anfängliche Ernsthaftigkeit wich dann einem amüsierten Lächeln
„Mir ist an dem Bild gelegen. Ich werde es wohl in meiner Nähe behalten wollen“, sagte er schlicht. Er sah hoch und sein Blick traf den der Adeligen aus der Waldwacht. Die anfängliche Ernsthaftigkeit wich dann einem amüsierten Lächeln.
„Es wäre eine gute Illustration für ein Buch. Der erste Roman für junge Leser, der es schafft, direkt am Wehrheimer Index zu landen.“ Er verknotete den letzten Verband und versicherte sich kurz seiner Festigkeit, bevor er sich beruhigt zurücklehnte.
„Es wäre eine gute Illustration für ein Buch. Der erste ''Roman für junge Leser'', der es schafft, direkt auf dem [[avwik:Wehrheimer Index|Wehrheimer Index]] zu landen.“ Er verknotete den letzten Verband und versicherte sich kurz seiner Festigkeit, bevor er sich beruhigt zurücklehnte.
 
Jandara hatte inzwischen eine Flasche gefunden, die vermutlich Alkohol enthielt, prüfte, ob noch ein Rest darin gluckerte, und nahm einen kleinen, vorsichtigen Schluck, ehe sie sie ihm reichte. „Auf Dächer, waghalsige Fluchten und gute Zusammenarbeit.“ Ihr Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln.
Jandara hatte inzwischen eine Flasche gefunden, die vermutlich Alkohol enthielt, prüfte, ob noch ein Rest darin gluckerte, und nahm einen kleinen, vorsichtigen Schluck, ehe sie sie ihm reichte. „Auf Dächer, waghalsige Fluchten und gute Zusammenarbeit.“ Ihr Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln.


Der Dom di Rueda nahm die Flasche entgegen und hob sie in Erwiderung des Trinkspruches Richtung Himmel, bevor er davon trank. Es war Weinbrand, und er zog eine wärmend Spur in seinem Körper, die sich angenehm ausbreitete. Mit der Hitze kam auch ein Gefühl von Erschöpfung, während seine Anspannung nachließ. Er schob sich auf der Bettstatt zurück und sank etwas tiefer. “Wenn das in Ordung ist, würde ich dann etwas ausruhen," meinte Emilio. "...oder ist der Abend noch zu jung?"
Der Dom di Rueda nahm die Flasche entgegen und hob sie in Erwiderung des Trinkspruches Richtung Himmel, bevor er davon trank. Es war Weinbrand, und er zog eine wärmende Spur in seinem Körper, die sich angenehm ausbreitete. Mit der Hitze kam auch ein Gefühl von Erschöpfung, während seine Anspannung nachließ. Er schob sich auf der Bettstatt zurück und sank etwas tiefer. “Wenn das in Ordnung ist, würde ich dann etwas ausruhen", meinte Emilio. "...''oder ist der Abend noch zu jung?''"
Damit zitierte er Jandaras Aussage im Kampfgeschehen, und in sein schon schlaftrunkenes Gesicht stahl sich ein foppendes Grinsen.
Damit zitierte er Jandaras Aussage im Kampfgeschehen, und in sein schon schlaftrunkenes Gesicht stahl sich ein foppendes Grinsen.


Zeile 236: Zeile 288:
Ohne weiteren Kommentar stieß sie Emilio mit der flachen Hand an der Brust rückwärts auf die Pritsche – und war im selben Atemzug schon über ihm, ein spielerisches Gewicht, das ihm die Luft gerade so weit nahm, dass er noch atmen konnte. Sie beugte sich tief, bis ihr Schatten sein Gesicht einrahmte, und grinste herunter.
Ohne weiteren Kommentar stieß sie Emilio mit der flachen Hand an der Brust rückwärts auf die Pritsche – und war im selben Atemzug schon über ihm, ein spielerisches Gewicht, das ihm die Luft gerade so weit nahm, dass er noch atmen konnte. Sie beugte sich tief, bis ihr Schatten sein Gesicht einrahmte, und grinste herunter.


„Der Abend ist stets so jung, wie wir es wünschen,“ stellte sie fest, jede Silbe eine Herausforderung – dann tippte sie mit dem Finger auf seine Brust. „Zeig mal, wieviel Kraft noch in diesem waidwunden Abenteurer steckt.“
„Der Abend ist stets so jung, wie wir es wünschen“, stellte sie fest, jede Silbe eine Herausforderung – dann tippte sie mit dem Finger auf seine Brust. „Zeig mal, wieviel Kraft noch in diesem waidwunden Abenteurer steckt.“


Der Fluß, der Raum, selbst der pochende Schmerz seiner Stichverletzung sanken in den Hintergrund, während Jandara über ihm ganz sein Bewusstsein ausfüllte. Ein Gefühl wie goldenes Rauschen. Emilio atmete schwer und betrachtete sie, während die Bernsteinfarbe seiner Augen im Schatten zu glimmen schien. Dann legte er seine Hand warm an ihre Wange und Schläfe und begann sachte, die junge Frau zu küssen. Seine Finger strichen über ihr Haar, nach hinten und an die Ansatzstelle ihres Nackens, den er nun in einer beschützenden Geste umfasste, während sein anderer Arm sie umschlang und näher zog. Er küsste Jandara weiter, jetzt inniger.
Der Fluss, der Raum, selbst der pochende Schmerz seiner Stichverletzung sanken in den Hintergrund, während Jandara über ihm ganz sein Bewusstsein ausfüllte. Ein Gefühl wie goldenes Rauschen. Emilio atmete schwer und betrachtete sie, während die Bernsteinfarbe seiner Augen im Schatten zu glimmen schien. Dann legte er seine Hand warm an ihre Wange und Schläfe und begann sachte, die junge Frau zu küssen. Seine Finger strichen über ihr Haar, nach hinten und an die Ansatzstelle ihres Nackens, den er nun in einer beschützenden Geste umfasste, während sein anderer Arm sie umschlang und näher zog. Er küsste Jandara weiter, jetzt inniger.


Unter der nun wärmer scheinenden Sonne des Wintermorgens stieg von der Flusslandschaft silbriger Nebel auf. Es versprach, ein schöner Tag zu werden.





Aktuelle Version vom 11. September 2025, 23:23 Uhr

Baronie Kyrstollen, Anfang Rahja 1045 BF

Auf dem Junkergut Hellenwald

Autoren: Amarinto, Amrit

Xerog runzelte die Stirn, als sein Blick an Jandaras Oberarm hängen blieb. Dort, wo die Haut frisch vernarbt war, zog sich eine dünne rote Linie. Er schnaubte leise in seinen Bart, nahm einen Schluck Bier und meinte trocken: "Eine neue Zierde, hm? Lass mich raten – ein weiteres Ergebnis deiner grandiosen Ideen?"

Jandara hob nur grinsend den Becher und prostete ihm zu. "Die besten Geschichten beginnen mit solchen Ideen, das solltest du doch inzwischen wissen.

Der Zwerg zog eine Braue hoch und brummte."Oder sie enden mit einer Beerdigung."

"Ach, Xerog." Sie lehnte sich zurück, das Funkeln in den Augen kaum verbergend. "Wenn du wüsstest, was hinter dieser Narbe steckt..."'

"Oh, ich fürchte, ich werde es schon sehr bald erfahren."

Punin im Hesindemond 1045 BF

In einer Taberna im Theaterviertel (nach Mitternacht)

In der kalten, winterlichen Nacht leuchtete die Taberna wie eine Laterne, wie eine kleine Sphäre der Wärme inmitten der Finsternis. Die Zeit war fortgeschritten (wohl schon mehrere Stunden nach Mitternacht), aber keiner der versammelten Feiernden wollte aufbrechen in das nächtliche Theaterviertel hinter den mit Eisblumen gezierten Fenstern. Das mochte am Feuer liegen, welches wohlig im offenen Kamin prasselte, am guten Wein, aber vor allem lag es wohl an den Erzählungen der jungen Domna von Hellenwald, um die sich eine regelrechte Traube an gespannten Zuhörern gesammelt hatte.

„…und als ich den Herren Magistrat dann tatsächlich im Fass wiedergefunden habe, schwör’ ich euch, er war beleidigt, dass der Wein vorher schon ausgetrunken war.“ "Nein!!" ging wieder ein ungläubig-begeistertes Aufrufen durch die Gruppe der Umstehenden. Die junge Adlige aus der Waldwacht lächelte zufrieden, lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus ihrem Becher.

Unter den Zuhörern war auch ein junger Mann Anfang Zwanzig, ein hübscher Bursche (wenn auch etwas blass und abgekämpft wirkend) mit dunklem Haar und angetan mit einem Doublet aus grünem Wildleder. Der Mann stimmte in die gemeinschaftlichen Ausrufe und das laute Gelächter nicht mit ein und hielt sich etwas abseits, doch während er Jandaras Erzählung lauschte, wurde sein Gesichtsausdruck immer interessierter und anerkennender.

Schließlich nutzte er die Pause, als der Schankbursche neue Getränke brachte, trat näher an die junge Domna heran und sprach mit ihr zugeneigtem Kopf: "Ihr möget mir verzeihen, aber ich würde Euch gerne etwas fragen." Jandara musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen. “Ihr seid höflich und seht gut aus, ich verzeihe Euch.” Sie zwinkerte. ”Nur zu, fragt ruhig!”

Emilio sprach ruhig zu Jandara, gegen den umgebenden Lärm der Taverne: "Es gäbe etwas, was ich schon länger vorhabe, ein Gemälde an einem besonderen Ort. Daher möchte ich Euch fragen, ob Ihr Euch vorstellen könntet, Modell zu stehen?"

Sie lächelte, ließ den Blick noch einmal bewusst langsam über ihn gleiten. „Ihr wollt mich also malen?“ Sie stellte ihren Becher ab, lehnte sich vor und senkte die Stimme gerade so weit, dass er sie trotz des Stimmengewirrs mühelos hören konnte und grinste. „Ich bin neugierig. Es gibt unzählige Männer und einige Frauen, die sich deutlich weniger Mühe gegeben haben, um mich aus meinen Kleidern zu bekommen.“

Der junge di Rueda hoffte, dass sein leichtes Erröten bei dieser Eröffnung im Schein des Kaminfeuers unsichtbar blieb.

„Ich nehme Euer Angebot an, aber überlegt es Euch gut. Ich bin kein stilles Modell. Wenn Ihr meine Zeit wollt, dann müsst Ihr bereit sein, mich ebenso festzuhalten, wie ich bin – mit allen Federn, Krallen und, wenn es sein muss, auch mit dem Schnabel.“ Sie nahm einen weiteren Schluck Wein, lehnte sich zurück und sah ihn so unschuldig an, dass es ihr selbst fast glaubhaft vorkam. „Also? Werdet Ihr es wagen, mein Herr?“, sagte sie schließlich in einer gewollt schlechten Imitation einer feinen Puniner Dame.

Das Gesicht des Malers leuchtete auf bei der Zustimmung. Nach Jandaras Eröffnung schien er einen Moment ernsthaft nachzudenken und sagte dann, wie für sich: "Und ich habe gar keine Falkenhaube mit. Großes Versäumnis..." Die Frage nach dem Wagnis beantwortete er wortlos, mit einer leichten höfischen Verneigung - die Geste, mit der man im Horasischen eine Dame bei einem Ball auffordert.

"Wenn es Euch genehm ist, sollten wir am besten gleich los. Wir müssen nach Yaquirhafen. Ich muss nur kurz am Weg ins Atelier, noch meine Malsachen mitnehmen...hoffe das ist in Ordnung?", sah er sie fragend an. Sie ergriff die Flasche ‘Strammer Muktur', die noch halbvoll vor ihr auf dem Tisch stand. “Sicher, ich hoffe jedoch der Wegwein wird reichen. Habt Ihr Wein im Atelier?” "Es ist nicht weit, liegt am Weg", widerholte er nur. Mit einem Seitenblick musterte er die Flasche.

Enttäuschte Rufe hallten Jandara hinterher: "Domna! Belleza! verlasst uns nicht…" Jandara winkte ihnen beim Hinausgehen beschwichtigend zu. “Freunde, morgen Abend bin ich wieder hier oder in der Casa Tornillo auf irgendeinem rahjagefälligen Besäufnis.”

Als die zwei aus der Taverne auf die schwarze, gepflasterte Gasse traten, begann es zu schneien, in großen, fedrig weißen Flocken. Jandara wirkte ehrlich überrascht, sie war Schnee aus ihrer Heimat in den Bergen des Eisenwalds gewohnt, aber hier in der Capitale Punin schneite es äußerst selten. Sie zog ihren gefütterten Umhang fester um sich.

Emilio sah zu Jandara, und um seine Augen spielte ein Lächeln. "Wie gut könnt Ihr klettern?"

Jandara blickte auf die halbvolle Flasche Wein in ihrer Hand. Falls sie zweifelte, ließ sie es sich kaum anmerken. “Ich entstamme einer langen Ahnenreihe von Waldwachter Bergziegen und Hurenböcken. Wenn man den Geschichten glauben mag, die ich in dieser Taverne bereits zum Besten gegeben habe, dann könnte ich jetzt noch die Spitze des Turms der Magierakademie erklimmen, falls es nötig wäre.” Sie straffte sich ein wenig, ihr Blick wurde ernster. “Ich bin gespannt auf die Herausforderung die Ihr für mich habt.”

Im Atelier in Yaquirhafen

Punin lag still unter den Sternen in dieser Winternacht, und der fallende Schnee machte es noch stiller, während die zwei durch die menschenleeren Gassen und an schlafenden Häusern vorbei Richtung Yaquirhafen wanderten. Emilio führte Jandara zu einem mehrgeschoßigen und altehrwürdig wirkenden Fachwerkhaus, schloss unten die Türe auf und machte der jungen Adeligen dann eine stumme Geste, bitte einzutreten.

Auf der steil hinaufführenden Holztreppe ging er achtsam unterhalb seines Gastes, um bereit zu sein falls sie straucheln sollte. Oben angelangt, ließ er die Domna von Hellenwald in seinen Atelierraum ein. Das große Zimmer lag in schwachem bläulich-kühlen Dämmerlicht, welches durch große Butzenglasscheiben gefiltert hineinfiel. Die Luft roch nach sommerlichem Wald, was den Lösungsmitteln aus destilliertem Pinienharz geschuldet war. Darüber lag ein Duft nach Weihrauch.

Der junge Mann kramte im Halbdunkel und entzündete die Lichter eines verzierten, silbernen Kerzenhalters, bevor er anfing, Malutensilien zusammenzusammeln. Im warmen Lichtschein konnte nun auch Jandara den Raum besser erkennen. Etliche kostbar aussehende Ölgemälde in dunklen, leuchtenden Farben standen am Boden, gegen die Wände gelehnt... Wände welche mit weiteren Bildern und mit zahlreichen Skizzen und Schriftstücken behängt waren. Auf einem ausladenden Schreibtisch und in Regalen stapelten sich Papiere, Gläser mit teuren Pigmenten, ledergebundene Folianten, aber auch Reiseutensilien und fremdländisch wirkende Objekte. Eine archaische hölzerne Reptilienmaske, marmorne Bruchstücke von Statuen, dazwischen ein Brocken Minduriumerz, so dunkelbunt schillern wie eine Dohlenfeder.

"Seiltänzerin", Öl auf Leinwand

Während Emilio mit dem Packen beschäftigt war, ließ Jandara ihren Blick weiter durch das Zimmer geleiten. Manche Gemälde zeigten klassische Sujets, andere muteten...eigentümlich an. Eines der Bilder zeigte eine schroffe Berglandschaft, daraus erhob sich leuchtend eine weiße Feste. Der blassblaue Himmel darüber wirkte wie helles Porzellan, welches aber oberhalb des Gebäudes in Bruchlinien zerbrach, um eine dahinterliegende, von wirbelnden und fluoreszierenden Phantasmen durchzogene Dunkelheit zu offenbaren.

Dann blieb Jandaras Blick an einem anderen Gemälde hängen: Eine still und kristallin wirkende, verschneite Waldlandschaft. Inmitten schwarzer Bäume und weißem Frost war die einzig erkennbare Farbe ein in einiger Höhe gespanntes, rotes Seil, auf dem ein Kind balancierte. Ein weißgekleidetes Mädchen mit langem dunklem Haar. Man erkannte, wie vorsichtig sich das Kind bewegte, bemüht nicht zu fallen. Links und rechts des Rahmens führten, wie in einer Verlängerung des Seiles vom Bild, zwei rote Farblinie über das Holz der Wand, die jeweils in einem gemalten Herz endeten.

Jandara verschränkte die Arme, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und trat einen Schritt näher an das Bild heran. „Das Mädchen auf dem Seil…“ Ihre Stimme war leiser, fast nachdenklich, „…was ist mit ihr geschehen?“

Sie drehte sich halb zu Emilio um, ihr Blick verweilte jedoch noch auf dem Gemälde. „Oder malt Ihr nie zu Ende, was nach dem Schritt ins Leere kommt?“

Emilio, der eben einige Pinsel auf ein Tuch legte, ließ die Hände sinken und blickte auf. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Überraschung ab. Es war eine gute Frage. Zur Antwort beschrieb er die Bilder aus seinen Träumen, in einem ruhigen Tonfall, als würde er ein Märchen erzählen: "Das kleine Mädchen war vorsichtig und trat noch nicht ins Leere. Als sie älter wurde, hat sie eine Spur aus eigenem und fremdem Blut gezogen, Blutstropfen auf dem weißen Schnee, doch der Frost blieb. Aber irgendwann hat sie gelernt, mit dem Feuer zu tanzen. Damit sind die Farben gekommen..." Er schlug die Pinsel vorsichtig in das Tuch ein und verstaute sie. "...und der Frostwald wurde zu einem blühenden Garten."

Die Leichtigkeit war ein wenig aus Jandaras Stimme verschwunden. Sie nickte abwesend. “Ich verstehe.”

Dann trat sie zurück, stellte ihre Weinflasche beiseite und begann, mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde sie allein in einem Ankleidezimmer, die Schließe ihres Umhangs zu lösen. „Nun, mein Herr…“, sie ließ den schweren Stoff achtlos auf einen Stuhl gleiten. Ihre Hände waren schon am Gürtel, als sie innehielt. Ihr Blick war fest auf ihn gerichtet, der Ansatz eines Lächelns um die Lippen, wie eine Katze, die sich sicher ist, dass man ihr jede Freiheit zugesteht. „...also – wo wollt Ihr mich?“

Der Maler, der inzwischen fertig gepackt hatte, sah wieder hoch, und sein Blick kreuzte sich mit dem der jungen Domna. Unzählige Männer und einige Frauen, hatte sie in der Taverne gesagt, waren schon für sie entbrannt. Emilio zweifelte keinen Augenblick daran. Jandara hatte etwas Berauschendes an sich, stärker als der dunkle, schwere Rotwein, der noch an ihren Lippen haftete. Etwas Berückendes, Berauschendes, und sie wusste es.

Er trat näher, strich mit den Fingern gedankenverloren über den abgelegten Umhang und hob ihn dann von der Stuhllehne, um der Domna beim Anlegen zu helfen. "Der Platz ist hier ganz in der Nähe! Ein alter Palazzo am Yaquirufer."

Jandara hob überrascht die Brauen, ihre Hände noch am Gürtel innegehalten. „Ein Palazzo?“ In ihrer Stimme lag ein warmes, ungläubiges Lachen, als hätte sie gerade ein Stück unerwarteter Süßspeise im Mund. „Ihr lockt mich doch nicht in ein feuchtkaltes Atelier, sondern in einen alten Palazzo?“

Sie griff nach dem Umhang, den Emilio ihr hinhielt, doch statt ihn sofort anzulegen, hielt sie das weiche, gefütterte Tuch einen Moment zwischen den Fingern, als wolle sie seinen Duft prüfen. „Ihr überrascht mich.“ Ihre Augen funkelten – nicht nur vor Neugier, sondern auch vor jener freudigen Erwartung, die sich wie ein schleichendes Feuer in ihr ausbreitete, wenn sie ahnte, dass der Abend sich zu einer dieser Geschichten entwickeln könnte, die sie in Jahren noch mit übertriebenen Gesten und einem Glas zu viel im Kreis von Freunden und Bewunderern erzählen würde.

Sie legte den Umhang über die Schultern, zog die Kapuze locker auf und nahm ihre Weinflasche wieder an sich. „Nun gut“, sagte sie, mit diesem schelmischen Unterton, der sowohl Versprechen als auch Warnung war. „Zeigt mir diesen Palazzo.“

Nahe der Stadtmauer in Yaquirhafen

Kurz darauf standen die beiden im schwachen Dämmerlicht der nahenden Tages vor dem alten Prachtbau des Palacio Abadessa. Er musste schon seit etlichen Jahrzehnten unbewohnt sein, denn die Fenster des Erdgeschosses waren mit Latten vernagelt, das Eingangstor mit Ketten gesichert. Die reich verzierte Fassade zeigte Zeichen beginnenden Verfalls, und wuchernde Pflanzen hatten bereits angefangen, von dem Gemäuer Besitz zu ergreifen Der junge di Rueda wies der Domna einen überwachsenen Balkon auf der südlichen Gebäudeseite. "Hier könnten wir hochklettern, ich habe auch ein Seil mit."

Nach einer durchzechten Nacht war das von seiner Begleitung viel verlangt, das war Emilio klar, daher setzte er helfend hinzu: "Ihr habt erwähnt, dass Ihr Bergziegen in der Ahnenreihe habt. Bei mir gibt es dafür Auelfen, und das führt immer wieder zu ...naja, Schwierigkeiten bei Trinkgelagen" Er lächelte etwas verlegen. "Daher kann ich Euch gerne etwas Gulmond anbieten." Er spähte an der Fassade entlang "Andernfalls können wir aber auch versuchen, auf der anderen Seite einige Latten wegzustemmen?" Er sah Jandara fragend an.

Sie nahm ihm das kleine Päckchen Gulmond aus der Hand, roch daran und grinste. „Ihr wisst, wie man einer Dame die nötige Motivation verschafft.“ Mit geübten Fingern nahm sie einige Blätter, rollte sie zu kleinen Kugeln und begann darauf herum zu kauen. Bald kribbelte es angenehm unter ihrer Haut, und der Weinnebel verwandelte sich in etwas leichteres, etwas federndes. „Der Balkon also.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah die bemoosten Steinverzierungen hinauf. „Das wird ein Kinderspiel.“

Sie standen nebeneinander, während der Schnee leise auf sie herabfiel. Emilio hielt das Seil bereit, aber Jandara winkte ab. „Zuerst aus eigener Kraft.“ Sie suchte mit den Augen den Weg nach oben, schob den Umhang zurück, damit er nicht im Weg war, und setzte den Fuß auf den ersten Vorsprung.

Der Aufstieg fühlte sich an wie ein Tanz, nur dass die Musik der leise knirschende Schnee und ihr eigener Atem waren. Ihre Finger fanden Halt zwischen den kalten Ranken, ihre Stiefelspitzen schoben sich in kleine Ritzen. Die Kälte biss, aber der Gulmond wärmte von innen.

Als sie schließlich an den Balkonrand sprang, um sich hochzuziehen, hörte man ein hässliches, dumpfes Knacken. Ein Stück des überwachsenen Steins brach unter ihrem Gewicht heraus, und plötzlich hing sie mit einem Arm in der Luft, ihre Beine suchten vergeblich Halt.

„Verdammt!“ Jandara spürte, wie ihre Finger zu rutschen drohten, doch der Griff wurde hart wie Eisen. Sie holte tief Luft, spannte den Körper an, schwang das rechte Bein hoch und drückte sich mit letzter Kraft über die Brüstung. Der Aufprall auf den knirschenden Schnee des Balkons war unsanft, aber sie lachte keuchend. „Seht Ihr, Bergziegenblut“, rief sie nach unten. Dann stand sie auf, schüttelte den Schnee aus dem Haar und zog das Seil hinauf. Mit sicheren Händen band sie es an der schmiedeeisernen Balustrade fest, zog zweimal prüfend daran und warf das Ende zu Emilio hinunter. „Euer Auftritt, mein Herr.“

Emilio, dessen Augen während ihres Aufstiegs nicht von der jungen Domna gewichen waren, sah nun mit einem warmen Lächeln und beeindrucktem Gesicht hoch. Dann ging er ans Gebäude, und testete die Festigkeit des Eisengeländes, indem er sich zweimal mit vollem Gewicht ins Seil hängte. Sah gut aus.

Der Dom di Rueda wirkte anders als vorhin in der Stadt - weniger ernst und schwer, mehr wie ein Jugendlicher auf Abenteuer. Er erklomm nun ebenfalls die Fassade, unterstützt von dem Seil, und stand kurz darauf neben Jandara, wieder mit einem gelösten Lächeln.

Im Palacio Abadessa - Das Gemälde

Dunkles, welkes Laub und kleine Zweigen überzogen den Boden der Loggia und knacksten leise unter den Schritten. Die Türe ins Gebäude stand bereits einen Spalt offen, und Jandara konnte sie aufschieben. Emilio löste mit geübter Bewegung das Seil vom Geländ, und blieb dann knapp hinter ihr. Erst durchschritten sie einen grünen Salon, dessen Wände mit ausgebleichten Fresken von Palmen und fruchttragenden Bäumen überzogen waren, dazwischen gemalte Äffchen und dekorative Vögel.

Die Bibliothek dahinter war in keinem guten Zustand, das Fenster zum Fluss hin stand offen, und dutzende Bücher waren über den Boden verstreut und hatten Feuchtigkeit aufgesogen. Emilio beugte sich nieder und hob einen Band auf, der seit Jahren offen vor dem Fenster lag. Zwischen den aufgeschlagenen Buchseiten wuchs zartes Gras. Er legte das Buch vorsichtig wieder nieder, an die alte Stelle. Die nordseitige Türe war verzogen und nicht zu öffnen, aber eine zweite Tür in den Korridor gab den Weg frei.

Der Korridor hatte streckenweise wenig Licht, in der Mitte des Gebäudes öffnete sich jedoch nach links hin eine großzügige, doppelt geschwungene marmorne Prunktreppe vor großen Bleiglasfenstern. Treppen, die höher hinauf führte, und hinab in die Finsternis des untersten Stockwerks.

Emilio di Rueda suchte den Blick der jungen Garlischgrötz, er wollte wissen, wie sie den Ort aufnahm. Jandara ließ den Blick die Stufen hinauf und hinab gleiten, und das schwache Licht der Glasfenster spiegelte sich in ihren dunklen Augen. Einen Moment stand sie still, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als würde sie eine Bühne betreten, auf der sie gleich die erste Szene bestimmen durfte.

„Ein Palazzo“, sagte sie schließlich, fast ehrfürchtig, doch mit einem Unterton, der bereits wieder ins Spöttische glitt. „Verfallen, verwildert, aber immer noch stolz. Wie so viele adlige Häuser, die ich kenne.“ Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe der Prunktreppe, so leicht, als lausche sie, ob die alte Substanz ihr Geheimnisse zuflüstern würde.

Dann wandte sie sich halb um, und ein schelmisches Lächeln umspielte ihren Mund. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir ein solches Bühnenbild zur Verfügung haben würden.“

Ein trockenes Blatt, das der Wind durch ein zerbrochenes Fenster hereingeweht hatte, flatterte über den Boden, und Jandara hob es auf, drehte es zwischen Daumen und Zeigefinger. „Schaut, selbst die Bäume wollen hier drin noch eine Rolle spielen.“ Sie ließ es achtlos fallen, als wäre es eine Requisite, die ihren Dienst getan hatte, und stieg einige Stufen empor. Mit jeder Stufe, die sie höher kam, wurde ihre Stimme leiser, fast ernster: „Es gefällt mir. Es hat etwas von einem Ort, an dem man Geschichten hinterlässt. Manche in Büchern… andere auf Leinwand.“

Sie drehte sich erneut zu Emilio, ihre Hand leicht auf dem Geländer, das kalt und feucht unter der Patina war. „Also, mein Herr Maler,“ fragte sie, die Augen funkelnd, „wollt Ihr mich oben in einem goldenen Saal malen? Oder unten, zwischen Schatten und Moder? Beides passt zu mir – je nachdem, welche Seite Ihr festhalten wollt.“

"Was ich an Orten wie diesem mag", meinte Emilio, während er neben ihr die Treppe hochstieg, "hier gibt es schwarzmodrige Flecken im Gold der Prunksäle, und in den zersetzten und zerfallenen dunklen Schatten findet man immer noch eingestreutes Gold."

Nach dem Aufstieg traten sie durch eine prachtvolle doppelseitige Flügeltüre in einen kleinen Ballsaal mit hoher, bemalter Kassettendecke. Einzelne kunstvoll gefertigte Möbel standen noch im Raum. Geschnitzte Stühle, ein goldener Paravent. Über Kopf hing ein reichverzierter Luster aus hunderten, halb staubblinden Kristalltropfen. Eine Reihe hoher Glasfenster öffneten ostseitig den Blick zum Fluss hin, mittig lag hinter gläsernen Flügeltüren ein weiterer Balkon. Der Boden aus Parkettornament war großteils noch intakt, an manchen Stellen lagen herabgefallene Bleikristalle oder hereingewehtes Laub, und zu einer Seite hin wuchs Moos zwischen den aufquellenden Ritzen des Holzbodens. Diese Stirnseite des Ballsaals zierte ein großer Spiegel, dessen antikes Silber vom Alter und der aufsteigenden Feuchte des Flusses stockfleckig und stellenweise schwarz war. Immergrüner Efeu rankte daneben und hatte schon die halbe Wand überwuchert.

"Das ist der Ort", sagte Emilio, unwillkürlich leise in der Umgebung, obwohl sie ja alleine waren. "Hier würde ich dich gerne malen."

Der junge Mann holte aus einer Nische einige Längen schillernden roten Brokatstoffs. Er war offenbar vorbereitet. Mit der bestickten Seide im Arm trat er vor die Domna von Hellenwald. "Wenn es für Euch in Ordnung ist, würde ich Euch ersuchen, die Schultern frei zu machen. Und ich würde diesen Stoff an Euch drapieren?" Jandara nickte beifällig, während sie sich umsah. Abwesend begann sie ihren Mantel abzulegen.

Ihr Begleiter arbeitete konzentriert und nahm scheinbar nichts wahr außer dem Fall der Brokatfalten, aber Jandara kam nicht umhin, die Wärme seiner Hände zu spüren, während er den seidenen Stoff an ihrem Körper arrangierte und vor ihrer Brust mit einer Brosche verschloss. Mit einer leichten Berührung ihres Armes deutete er ihr dann an, sich etwas zu drehen. Schließlich trat der junge Mann einige Schritte zurück und erfasste sie mit musterndem Blick. Er schien noch nicht vollends überzeugt. "Möchtest du...möchtet Ihr eine Waffe in die Hand?" fragte er.

Jandara sagte nichts, hob eines ihrer beiden Rapiere vom Boden auf, zog es aus der Scheide. Die Klinge blitzte kurz auf, als ein Lichtstrahl darauf traf. Sie ließ es mit geübter Hand einige Male durch die Luft zischen, bevor sie es in ironischer Geste kurz auf seine beiden Schultern legte, als ob sie ihn zum Ritter schlagen wollte. “Es gibt nur sehr wenige Gelegenheiten, bei denen ich diese Frage mit ‘Nein’ beantworten würde, mein Ritter.” Sie zwinkerte belustigt.

Emilio hatte unwillkürlich den Atem angehalten bei den ersten Bewegungen der Waffe, lächelte nun aber zurück. Dann betrachtete er nochmals die Gesamtkomposition. Es sah mit der blitzenden Klinge tatsächlich noch besser aus, und er würde darauf achten, dass das Rapier im Bild das Licht reflektierte.

"Jandara im Palacio Abadessa", Öl auf Leinwand

Der junge Mann holte sich einen der Stühle in die Raummitte, sah wieder zu Jandara und gab ihr einige kurze Anweisungen zur Pose. Er sprach dabei ohne Höflichkeitsfloskeln und ohne Zögerlichkeit - es war deutlich, dass er eine solche Situation gewohnt war. "Gut, die linke Schulter etwas zurück, Blick dort hinüber, zum hintersten Fenster, Kinn leicht senken." Jandara fügte sich in die ungewohnte Rolle, da es ihrem Ego schmeichelte und die Neugier auf das Resultat überwog.

Emilio richtete nun mit wenigen, geübten Griffen seine Malutensilien, und begann, Jandara zu zeichnen.

"Ich bin froh, dass Ihr mitgekommen seid", sagte er mit Blick auf sein Papier aber in ihre Richtung, während sein Stift die ersten Umrisse schraffierte. "Wirklich keine Selbstverständlichkeit..." Er sprach leise, während er konzentriert eine geschwungene Linie über das Papier zog "...so jemanden zu finden wie Euch." Sie sagte nichts, aber ein Lächeln, an der Grenze zur Selbstgefälligkeit, schlich sich auf ihre Lippen.

Irgendwann wechselte der junge Maler zu Pinsel und Farben. Dann schob hinter dem silbrigen Fluss die Sonne ihre erste glosende Sichel über den Horizont, das Licht glitt über die Decke, die Wände, und übergoss Jandara mit sanftem, gold-rosigem Glühen.

Emilio hob den Blick und betrachtete sie einige Momente nur...die leuchtende Glut, die nun über das schwarze Haar und das ausdrucksvolle Antlitz der jungen Frau fiel. Auf ihre hellen Schultern, die die Zeichen von manchem Duell trugen. Der rotgoldene Stoff fing das Morgenlicht ein und schien förmlich aufzulodern unter ihr. Ihr Betrachter musste sich sichtlich zusammennehmen, um weiterzumalen. Im Raum herrschte nun eine fast meditative Stimmung, Jandara ruhig im warmen Licht stehend, Emilio versunken in die Arbeit.

"So, für heute fertig", sagte er einige Zeit später zu ihr. "Wollt Ihr einmal schauen?"

Die junge Domna legte den Brokat ab und war auf halbem Weg, da drang plötzlich ein krachendes Scheppern aus dem untenliegenden Stockwerk. Jemand war im Gebäude mit ihnen.

Im Palacio Abadessa - Schwierigkeiten

Jandara erstarrte mitten in der Bewegung, das Scheppern hallte nach, begleitet von einem undeutlichen Stimmengewirr. Ihr Blick wanderte sofort zum Treppenabsatz, der ins Untergeschoss führte. „Nun“, murmelte sie, und die Leichtigkeit in ihrer Stimme war zurück – dieses Mal jedoch wie eine geschliffene Klinge. „Das klingt ganz und gar nicht nach Mäusen im Gebälk.“

Ohne weitere Worte zog sie ihre Rapiere aus der Doppelscheide und ließ sie prüfend durch die Luft zischen, bevor sie die Klinge knapp über den Boden hielt. Dann verschwand das verspielte Lächeln, und an seiner Stelle trat eine konzentrierte Ruhe. Sie bedeutete Emilio mit einem Finger vor den Lippen zu schweigen, und schlich mit katzenhafter Vorsicht die Marmorstufen hinunter. Jeder ihrer Schritte war bedacht, die Muskeln angespannt, der Blick fokussiert.

Im Zwielicht des unteren Korridors konnte sie schließlich Gestalten ausmachen: Zwei kräftige Kerle, deren Kleider keine Zweifel ließen – ‘Grünröcke’, die Gardisten der Stadt Punin. Zwischen ihnen standen zwei ältere Anwohner, ein Mann und eine Frau, deren Gesichter von Sorge gezeichnet waren. Der Mann sprach mit den Schlägern, deutete in Richtung Treppe, die zum oberen Stockwerk führte. Offenbar waren sie es, die die Wächter gerufen hatten. Jandaras Griff um die Rapierhefte wurde fester. Einen Augenblick blieb sie verborgen, ließ den Blick über die Szene gleiten, und dann zog sie sich ebenso lautlos wieder nach oben zurück.

Oben angekommen, trat sie wieder in den Ballsaal, in dem Emilio wartete. Sie sah ihn an, ihr Atem kontrolliert, die Stimme ruhig, aber mit dieser eigentümlich glimmenden Freude, die sie immer dann durchströmte, wenn ein Abend eine unvorhergesehene Wendung nahm.

„Zwei von den Hunden der Garde sind unten. Und zwei brave Bürger, die offenbar dachten, sie müssten die Nachtruhe mit Verstärkung schützen.“ Sie ließ die Klingen im Kerzenlicht kreisen, bevor sie die Spitzen sinken ließ. Ein Grinsen stahl sich über ihr Gesicht, die Augen funkelten kampfeslustig. „Sieht so aus, als wäre der Abend gerade noch interessanter geworden. Ehrlich, ich hatte heute mit vielem gerechnet… aber nicht mit einem kleinen Kampf zum Dessert.“

Der di Rueda hatte eben ein Stoßgebet zu Phex geschickt, als er sah, wie Jandara sich mit ihren Waffen bereit zum Kampf machte. Seine Augen weiteten sich, und ließen deutlich erkennen, dass er gerade die Entscheidungsfähigkeit der jungen Domna schwer in Frage stellte. In Emilios Kopf überschlugen sich die Gedanken. Das war eine schlechte Idee, eine wirklich schlechte Idee. Es ging aber auch nicht an, Jandara alleine kämpfen zu lassen. Außerdem hatte sie ihm eben diesen ...Ritterschlag erteilt, was einen nicht zu leugnenden Effekt auf den jungen Mann hatte.

Emilio murmelte einen leisen Kraftausdruck und zog sich das dunkle Halstuch übers Gesicht wie ein Strauchdieb. Jandaras amüsierten Seitenblick quitierte er mit einem halblauten, enervierten "Iff wohne in diefem Bezfirk", wobei es nicht half, dass das vorgebundene Tuch seiner Verständlichkeit einigen Abbruch tat. Am Gang waren nun Schritte zu hören. Der Dom di Rueda zog seine Waffe samt Parierdolch und ging in Position.

Jandara war bereit und empfing die Gardisten mit einem genussvollen: “Jetzt setzt es was, ihr räudigen Hunde, verpisst euch zu euren, diesen schwanzlosen Dorftrottel und arroganten Vetteln von Ratsherren und Ratsherrinen!” Dann stürzte sie sich auch direkt auf den ersten der beiden.

Der andere eintretende Bewaffnete fackelte nicht lange und hastete mit gezogenem Rapier in Richtung des Vermummten. Mit hell klingendem Tönen trafen die Waffen aufeinander, gleitend und schlagend. Mehr noch als mit dem Gegner kämpfte Dom di Rueda aber gerade mit der Situation selbst.

Das alles erinnerte ihn viel zu sehr an Avessandro.

Emilio spürte das harte Pochen seines Herzen in den Halsschlagadern, ein seltsam betäubendes Kribbeln in den Händen, das sich ausweitete und ihm rauschend die Konzentration nahm, dazu ein Gefühl, als würde die Welt unter ihm nach hinten wegkippen, immerzu weg. Den ersten Schnitt über seinen Oberarm nahm er nur gedämpft wahr, als Hitze, die von der Stelle hochstieg. "Das kann es doch nicht sein", dachte er, sich fast trotzig auflehnend gegen die eigene Panikreaktion "Kann doch nicht sein, dass ich nie wieder fechten kann."

Er schluckte, um das bittere Gefühl im Hals loszuwerden und redete sich selbst im Kopf zu "Konzentrier dich. Schau deinen Gegner an. Wer steht vor dir?" Der Mann war bullig und hatte einen offensiven Stil - noch weiter angefacht durch den ersten, einfachen Treffer. Emilio präsentierte also eine vermeintliche Blöße, um den Anderen zum vorhersehbaren Angriff zu verleitete. Dann Seitschritt, Stoß - und jetzt bluteten sie zumindest beide.

Emilio konnte nun auch wieder die Umgebung wahrnehmen. Jandara mit ihren zwei Rapieren wirkte in manchen Bewegungen wie eine Mantis, eine tödliche Praiosanbeterin.

Jandara schien den Kampf zu genießen, als hätte sie auf diesen Moment nur gewartet. Ihre beiden Rapierklingen tanzten im Schein der aufgehenden Praiosscheibe, blitzten und schnitten, stießen und parierten in einem Wirbel, der ihre Gegner mehr verwirrte als alles andere. Der erste Gardist, ein grobschlächtiger Kerl mit Bartstoppeln und einer Kerbe im Ohr, hatte versucht, mit roher Kraft zuzuschlagen, doch Jandara wich aus, drehte sich halb und ließ die rechte Klinge nach vorn schnellen, während die linke die Attacke seitlich ablenkte. Ein Doppelschlag wie Zähne einer Falle. Der Mann fluchte und stolperte zurück, gerade rechtzeitig, um den nächsten Stoß gegen seinen Oberschenkel zu spüren.

Ein zweiter Hieb seines Degenarms schnitt Jandara über den Unterarm. Das heiße Brennen riss sie kurz aus der Raserei, aber statt zurückzuweichen, knurrte sie nur auf, biss die Zähne zusammen und presste die Lippen zu einem schmalen, kampfeslüsternen Grinsen. Blut rann ihr den Ärmel hinab, tropfte zu Boden, doch ihre Bewegungen wurden nicht langsamer. Im Gegenteil: Sie trieb den Mann mit einem regelrechten Sturm aus schnellen, wechselnden Stichen vor sich her, ließ die rechte Klinge führen und die linke wie ein züngelndes Raubtier nachsetzen.

Der Ordnungshüter kam kaum noch zum Atmen, geschweige denn zu einem ordentlichen Gegenangriff. Jandara drehte sich unter einer überhasteten Finte hinweg, trat ihm dabei mit der Stiefelspitze hart gegen das Schienbein, und als er reflexartig die Deckung hob, nutzte sie die Lücke: Der linke Rapier peitschte von unten hoch, riss ihm den Degenarm zur Seite, während die rechte Klinge blitzte und ihm die Brust streifte.

Sein Fluch glich einem gequälten Heulen. Er taumelte, versuchte erneut, Druck aufzubauen, doch Jandara wich schon wieder aus, ließ ihre Körpermitte tief sinken und konterte mit einem Stich, der nur knapp an seinem Hals vorbeiging. „Na los, Hund“, zischte sie, Schweiß und Blut glänzend auf ihrer Stirn, „zeig mir, dass du mehr kannst, als mir den Ärmel zu ruinieren!“

Der Gardist knurrte zurück, doch jeder Schritt, den er machte, brachte ihn näher an die Wand. Jandaras Rapiere kreisten wie ein Paar gieriger Falken über ihm, bereit, immer wieder einzuschlagen. Sie war verletzt – und doch war sie es, die ihn in arge Bedrängnis brachte, mit einer Wildheit, die ebenso kunstvoll wie gnadenlos wirkte.

Der Dom di Rueda ließ sich von seinem Gegner unterdessen unter einem Hagel von abgewehrten Klingenhieben rückwärts durch den Raum treiben. Dabei umrundete er halb den noch in der Saalmitte befindlichen Stuhl, welcher nun wie ein Hindernis zwischen ihm und dem Kontrahenden stand. Emilio deutete ein Finte an, trat dann das Möbelstück mit Wucht in Richtung des Grünrocks und nutzte die dadurch gewonnene Überraschung, den eigentlichen Treffer zu setzen.

Der Gardist bellte eine wütende, befehlsartige Anweisung zu dem - bis dahin unschlüssig im Türeingang stehenden - Mitglied der Bürgerwehr, woraufhin sich dieser ermannte und dem Kampf beitrat. Auch wenn der neue Gegner weniger geübt war, das Risiko für die zwei jungen Adeligen war nun spürbar erhöht. Sie mussten jederzeit darauf achten, dass ihnen keiner in den Rücken fiel.

Selbst mit beidhändigem Kampf war es schwer, die Angriffe abzuwehren. Emilio focht verbissen und konzentriert - Ausfallsschritt, Zurückweichen, Waffen hoch zum Block - Gegnerklinge seitlich wegschlagen, Ausfallschritt und Stich, zurück...Dann machte er einen kleinen Fehler, wich nicht weit genug aus, und die Klingenspitze des Gardisten durchbohrte seine Seite. Der Schmerz dieses ernsthaften Treffers brandete weißglühend auf, und Emilio ging in der verletzten Seite unwillkürlich ins Knie. Sofort holte der Gegner aus, einen zweiten Treffer nachzusetzen.

Jandara sah den Stich, sah Emilios kurzes Einknicken – und in einem Reflex war sie schon da. Ihre linke Klinge riss die gegnerische Waffe beiseite, die rechte fuhr dazwischen wie der Schnabel eines Raubvogels, zwang den Gardisten zurück. „Nicht sterben, Maler“, knurrte sie, ohne ihn anzusehen, „dafür ist der Abend zu jung.“ Doch während sie ihn deckte, spürte sie selbst, wie das Blut warm ihren Arm hinabrann. Noch ein Gegner mehr, und sie würden hier im Ballsaal untergehen. Ihr Blick flog zu den hohen Fenstern, zu den Balkonen, zu den zerbrochenen Giebeln – ein Ausweg, wenn auch riskant.

„Rückzug!“, zischte sie, laut und scharf genug, dass Emilio sie verstand. „Nach oben!“ Schon stieß sie den taumelnden Gardisten mit einem Fußtritt zurück und drängte den zweiten mit einem wütenden Schlag gegen die Klinge zur Seite. Ein Rückzugsgefecht – sie deckte Emilios Bewegung, während sie sich gemeinsam Schritt für Schritt in Richtung der großen Flügeltür bewegten, die hinaus zum Balkon führte.

Die Gegner drängten nach, wild und entschlossen. Klingen kreischten, Funken stoben, Jandara spürte die Müdigkeit in den Muskeln, aber ihre Technik blieb präzise: Mit dem rechten Rapier stieß sie, mit dem linken parierte sie – unablässig, wie eine Tänzerin, die das Taktmaß vorgibt.

Endlich hatten sie den Balkon erreicht. Kalte Winterluft schlug ihnen entgegen, der Schnee stob unter den Stiefeln. Mit knirschendem Geräusch verkeilte Emilio seinen Klingenbrecher zwischen den Türgriffen, um die Verfolger zumindest für einen Moment noch zurückzuhalten.

Nahe der Stadtmauer in Yaquirhafen

Vor ihnen lag nur das Geländer, darüber das Dach des Palazzos – schneebedeckt, steil, aber erreichbar. „Da rauf“, keuchte Jandara, packte Emilio grob am Ärmel, zog ihn mit. Ohne weiter zu zögern setzte sie den Stiefel auf die bröckelnde Balustrade, zog sich hinauf und streckte ihm eine Hand entgegen. Gemeinsam erreichten sie das Dach, glitschig unter Schnee, doch oben hatten sie wenigstens für den Moment Luft. Hinter ihnen hörte man schon die Gegner, wie sie durch die Türen brachen.

Jandaras Blick glitt über den Abstand zum nächsten Haus – keine zwei Schritt entfernt, aber tief unten gähnte die Leere. „Also, Maler, Zeit zu springen. Wenn du fällst, male ich dir Flügel auf den Grabstein.“

Und ohne weiter abzuwarten, lief sie an, sprang vom Dachfirst ab – ein kühner Satz über die Leere hinweg. Schnee sprühte auf, als sie krachend auf den Ziegeln des nächsten Daches landete, sich mühsam abrollte, und herumfuhr, um zu sehen, ob ihr Begleiter folgen konnte.

Flügel auf den Grabstein, das würde man mal sehen... Emilio verlagerte das Gewicht, stieß sich ab und landete mit einem dumpfen Aufächzen auf dem etwas tiefer liegenden, weiß gleißenden Flachdach des Nebengebäudes. Warmes Blut tröpfelte auf die Schneedecke, und einen Moment dachte er zurück an das Gespräch im Atelier. Dann rappelte er sich auf und bedeutete Jandara mit kurzem Kopfnicken, dass es weitergehen konnte.

Hinter ihnen stürmten die Gardisten auf das Dach des Palazzos – doch da waren die beiden schon in Bewegung, weiter über die Dächer des Theaterviertels, im ersten Licht des winterlichen Morgens.

Über einen verbindenden Stützpfeiler gelangten sie auf die Stadtmauer und konnten dort am Wehrgang zumindest außer Sichtweite der Verfolger laufen. Ein sicherer Pfad war es allerdings nicht, konnten hier doch jederzeit Wächter auftauchen...wenn auch zum Glück gerade keiner in Sicht war.

Emilio spähte zwischen den Zinnen in beide Richtungen. Stadtwärts waren bereits Menschen unterwegs in diesen Morgenstunden. Flussseitig lagen einige Kähne und Hausboote vertäut. Er knüpfte also eine Schlaufe ans Ende seines Seiles, schob diese über einen Eisenkrampen an der Außenseite der Mauer und schwang sich dann über die Zinnen. Die Mauer war glatt gefügt, aber nicht übermäßig hoch an dieser Stelle. Unten angekommen wartete er auf Jandara, bevor er mit einer schlenkernden Bewegung die Seilschlaufe von der Mauer löste.

Von den Hausbooten stieg kein Rauch auf und es waren auch sonst keine Lebenszeichen zu sehen. Emilio trat vom Dock auf die sachte schwankende Reling eines Bootes, und drehte sich dann zu Jandara, um ihr einen Arm zu reichen - reine Formsache, wie ihm bewusst war nach deren halsbrecherischem Sprung über die Häuserschlucht gerade eben. Sie ergriff seine Hand, nicht ohne einen ironischen Hofknicks anzudeuten, und sprang hinüber auf das Boot.

Das Schloss an der Türe war einfachster Machart, er kauerte sich also davor und hatte es rasch geöffnet. Mit entschuldigendem Blick sah er danach zur Domna von Hellenwald hoch und meinte: "Ich war mal längere Zeit wo eingesperrt. Danach war mir einfach wichtig, diese Sache zu lernen." Jandara zuckte mit den Achseln. “Mein ganzes Leben ist ein einziger Ausbruchsversuch, ich wäre die Letzte, die Euch dafür verurteilen würde.”

Sie traten nun in das Innere des kleinen Häuschens. Der Raum lag in Zwielicht, war aber durchaus gemütlich und ließ mit seinen sonnengelben Vorhängen und den beschnitzten und bunt bemalten Holzwänden an einen Zahoriwagen denken. Man hörte das ruhige Schwappen des Flusswassers gegen die Außenwand, sonst war alles still.

Emilio ließ sich mit einem erleichterten Ausatmen auf der Pritsche nieder und sah Jandara an. "Du bist von allen guten Geistern verlassen", sagte er ihr dann im Tonfall einer freundlichen Feststellung. Jandara nickte zustimmend, während sie ihre Wunden begutachtete. “Ja, das höre ich immer wieder, also muss es wohl stimmen.” Sie zwinkerte Emilio zu. “Ein glorreicher Abschluss für diesen Abend, will ich meinen!” Er nickte. “Jedenfalls danke, dass du mir geholfen hast, dort lebend rauszukommen”, setzte Emilio warm nach.

Er öffnete jetzt probeweise ein oder zwei in die Wand eingelassene Schränkchen und fand rasch, worauf er gehofft hatte: Frisch gewaschene Leintücher, und sogar Hemden. Sehr gut, das hieß sie mussten nach der ersten Wundversorgung nicht wieder zurück in blutgetränkte Kleidung. Der junge Mann beschloss für sich, den unwissenden Gastgebern eine ausreichende Menge Silbermünzen zurückzulassen. Nachdem er vom Leinenstoff einige lange Streifen abgetrennt hatte, wandte er sich im Sinne der Höflichkeit von seiner Begleiterin ab, bevor er die Oberbekleidung ablegte und begann, seine Taille zu bandagieren, denn den Oberarm. Am oberen Rücken hatte er Tätowierungen: Ein grün-silberner Nachtfalter unter achtstrahligem Stern, links und rechts daneben auf den Schulterblättern den Traum- und den Totenraben.

Sobald seine Erstversorgung abgeschlossen war, und er eines der bereitliegenden Hemden übergezogen hatte, wandte er sich wieder Jandara zu, um ihr eine Bandage hinzuhalten - eine Einladung, diese wahlweise entgegenzunehmen oder sich helfen zu lassen.

Jandara öffnete die blutsteifen Ärmel und zog mit einem gepressten Atemzug das Hemd über den Kopf. Darunter trug sie ein schlichtes, fest verschnürtes Mieder – nichts, das um Aufmerksamkeit bat, eher etwas, das dafür sorgte, dass sie sich beim Fechten frei bewegen konnte und Messer ablenkte. „Praktisch schlägt hübsch“, murmelte sie, als erkläre das allein ihre Lebensphilosophie.

Sie ließ sich auf die Kante der Pritsche sinken, legte das Hemd beiseite und hob stumm den verletzten Unterarm. „Na los, Maler. Bevor ich anfange, deine Pinsel mit meinem Blut zu tränken.“ Der Scherz war trocken, aber das Zittern in den Fingern verriet, wie viel der Sprung, der Kampf, die Kälte gefordert hatten.

Im Blick des Angesprochenen flackerte leichte Besorgnis auf. Er legte der jungen Frau ihren warm gefütterten Umhang über Rücken und Schultern, und nahm neben ihr Platz auf der Bettstatt, ein Bein aufgestellt, sodass er Jandaras Arm darauf ablegen konnte, während er die Schnittverletzungen säuberte und dann begann, sie zu bandagieren.

Einen Moment ließ sie die Schultern sinken, der Kopf lehnte kurz gegen die kühle Bretterwand. Das Schwappen des Wassers, das leise Knarren des Rumpfes, ihr Atem, seiner. Die Hektik des Morgens fiel ab wie Staub. „Hm“, sagte sie leiser, „ich hatte mir einen amüsanten Abend versprochen. Vielleicht etwas Wein, ein paar freche Worte, ein Bild, das mir später schmeichelt. Ich habe… mehr bekommen, als ich verlangt habe.“ Ein schiefes, echtes Lächeln. „Ich habe es genossen. Überraschenderweise sogar sehr.“

Emilio arbeitete weiter, wirkte aber merklich froh bei dieser Eröffnung. Sie griff nach dem beiseitegelegten Hemd, sah den dunkelroten Fleck am Ärmel und ließ es wieder sinken. Es war ruiniert, zum Glück war es nicht ihr Lieblingshemd.

„Also.“ Sie hob den Blick. „Was wird nun aus dem Bild? Hängt es bald in einem Salon, wo gelangweilte Herren und Damen darüber streiten, ob mein Kinn zu trotzig ist? Verschwindet es in einem Depot, bis irgendein Enkel es findet? Oder…“ Sie legte den Kopf leicht schräg, das vertraute Funkeln zurück. „…passiert damit etwas Interessantes?“

Zoll für Zoll legte Emilio Verbandsstreifen um den Arm der Domna, mit geübtem Druck, während er über ihre Frage nachdachte. „Mir ist an dem Bild gelegen. Ich werde es wohl in meiner Nähe behalten wollen“, sagte er schlicht. Er sah hoch und sein Blick traf den der Adeligen aus der Waldwacht. Die anfängliche Ernsthaftigkeit wich dann einem amüsierten Lächeln. „Es wäre eine gute Illustration für ein Buch. Der erste Roman für junge Leser, der es schafft, direkt auf dem Wehrheimer Index zu landen.“ Er verknotete den letzten Verband und versicherte sich kurz seiner Festigkeit, bevor er sich beruhigt zurücklehnte.

Jandara hatte inzwischen eine Flasche gefunden, die vermutlich Alkohol enthielt, prüfte, ob noch ein Rest darin gluckerte, und nahm einen kleinen, vorsichtigen Schluck, ehe sie sie ihm reichte. „Auf Dächer, waghalsige Fluchten und gute Zusammenarbeit.“ Ihr Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln.

Der Dom di Rueda nahm die Flasche entgegen und hob sie in Erwiderung des Trinkspruches Richtung Himmel, bevor er davon trank. Es war Weinbrand, und er zog eine wärmende Spur in seinem Körper, die sich angenehm ausbreitete. Mit der Hitze kam auch ein Gefühl von Erschöpfung, während seine Anspannung nachließ. Er schob sich auf der Bettstatt zurück und sank etwas tiefer. “Wenn das in Ordnung ist, würde ich dann etwas ausruhen", meinte Emilio. "...oder ist der Abend noch zu jung?" Damit zitierte er Jandaras Aussage im Kampfgeschehen, und in sein schon schlaftrunkenes Gesicht stahl sich ein foppendes Grinsen.

Jandara erwiderte seinen Blick, prüfend – und als sie die doppeldeutige Spitze hinter seinem Grinsen erkannte, hob sie eine Augenbraue: halb anerkennend, halb überrascht, eindeutig offen. Ohne weiteren Kommentar stieß sie Emilio mit der flachen Hand an der Brust rückwärts auf die Pritsche – und war im selben Atemzug schon über ihm, ein spielerisches Gewicht, das ihm die Luft gerade so weit nahm, dass er noch atmen konnte. Sie beugte sich tief, bis ihr Schatten sein Gesicht einrahmte, und grinste herunter.

„Der Abend ist stets so jung, wie wir es wünschen“, stellte sie fest, jede Silbe eine Herausforderung – dann tippte sie mit dem Finger auf seine Brust. „Zeig mal, wieviel Kraft noch in diesem waidwunden Abenteurer steckt.“

Der Fluss, der Raum, selbst der pochende Schmerz seiner Stichverletzung sanken in den Hintergrund, während Jandara über ihm ganz sein Bewusstsein ausfüllte. Ein Gefühl wie goldenes Rauschen. Emilio atmete schwer und betrachtete sie, während die Bernsteinfarbe seiner Augen im Schatten zu glimmen schien. Dann legte er seine Hand warm an ihre Wange und Schläfe und begann sachte, die junge Frau zu küssen. Seine Finger strichen über ihr Haar, nach hinten und an die Ansatzstelle ihres Nackens, den er nun in einer beschützenden Geste umfasste, während sein anderer Arm sie umschlang und näher zog. Er küsste Jandara weiter, jetzt inniger.

Unter der nun wärmer scheinenden Sonne des Wintermorgens stieg von der Flusslandschaft silbriger Nebel auf. Es versprach, ein schöner Tag zu werden.