Chronik.Ereignis1046 Unter PRAios wachem Auge 04

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Almada, Baronie Bangour, eine Taberna nahe Bangour, ein paar Stunden später

Autoren: BBB & Kaldenberg

Der Abend war der Nacht gewichen. Es war spät.
Die Taberna hatte sich erst weiter gefüllt, man war auf den Bänken und Stühlen zusammengerückt, um Platz zu machen. Dicht an dicht hatten die Gäste gesessen, waren laut und geschwätzig geworden… ehe es langsam begonnen hatte, sich wieder zu leeren.

Die Gespräche wurden weniger, eine gewisse träge Müdigkeit war eingekehrt. Hier und da wurde noch geplauscht, getrunken, gelacht, aber der Lärmpegel hatte einen Bereich erreicht, in dem es wieder möglich war einzelnen Gesprächen zu lauschen - und an mehr als einem Tisch hatte jemand den Kopf auf den Arm oder gleich auf die Tischplatte gestützt. Mancher war bereits eingeschlafen.

Auch Adenio war ein paar freundliche Gespräche verwickelt worden. Die Almadaner waren offenbar ein sehr gesprächiges, ein mittelsames Volk. Nun aber saß er allein, seinen letzten Becher vor sich, bereits fast geleert. Angenehme Müdigkeit umfing seine Gedanken.

Es war Zeit, das Bett aufzusuchen.

Mit einer letzten Willensanstrengung erhob er sich, um sich auf sein Zimmer zu begeben - da durchbrach etwas den Nebel seines Geistes. War da nicht eben ein Widerstand gewesen, etwas, das ihn für einen Augenblick an der Seite gezogen hatte? Hatte er sich an einem… ja, woran eigentlich?... verhakt?

Sein Blick ging zu Boden, zu seinem Gürtel, wo eben noch seine Geldkatze gehangen hatte.

Nun war dort gähnende Leere.
Sofort war Aedin (Adenio!) wieder hellwach. Er tat so, als hätte er lediglich das schmale Schwert an seinem Gürtelgehänge neu postiert und nahm, ohne Aufhebens zu machen, wieder Platz. Er griff nach seinem Becher und tat so, als blicke er dem Rest seines Weines hinterher. In Wirklichkeit nutzte er aus, dass der gesenkte Blick seine periphere Sicht erweiterte. 118 Dukaten, Gold und Wechselpapiere - der Erlös aus dem Pferdeverkauf plus seine Reisekasse! Er durfte dieses Geld nicht verlieren… Möglich, dass der Dieb oder die Diebin noch in der Taberna weilte, um nicht auf und davon zu rennen, sondern sich unauffällig mit der Beute abzusetzen.
Etwas bäurisch stieß er auf, um den Eindruck zu erwecken, er sei betrunkener, als er tatsächlich war. Mit der Linken griff er sich in den Nacken und drehte den Kopf mit schmerzverzerrter Miene hin und her, als sei er verspannt (was nach dem langen Ritt tatsächlich zutraf). Doch in Wirklichkeit sah er sich unauffällig im Schankraum um.

Die Taberna hatte sich tatsächlich merklich geleert. Vielleicht noch ein gutes Dutzend Gäste waren anwesend.
Die drei, die - den Krug noch in der Hand - eingeschlafen waren, schloss Adenio schnell aus. Zwei Gruppen waren noch immer ins Gespräch vertieft, auch sie schienen ziemlich sicher mit anderen Dingen beschäftigt.
Blieben noch vier.

Ein älterer Mann, der in einer Ecke saß, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen eine Pfeife schmauchend. Er schien den Innenraum ebenso im Blick zu haben, wie Adenio selbst.

Eine schmächtige Frau, die an einem der Tische saß, unmittelbar neben einer der ins Gespräch vertieften Gruppen, und diesen unauffällig lauschte.

Ein junger Mann, untersetzt, nicht sehr groß, der gerade im Begriff war zu gehen, der gemächlich zur Tür schlenderte.

Und, zu guter Letzt, ein alter Mann, schon ergraut, tief über sein Essen gebeugt, aber von Zeit zu Zeit aufblickend und die Umgebung musternd.

Adenios Gedanken gallopierten. Er hielt den jungen Mann für den wahrscheinlichsten Dieb. Zu wahrscheinlich… Doch wer sonst?
Die junge Frau - sie war zweifellos auch eine Diebin, doch stahl sie mit ihren Ohren.
Der Ältere in der Ecke war mehr, als er zu sein vorgab. Und doch hätte der Mann sein hohes Alter nicht erreicht, würde er noch immer anderer Leute Taschen leeren. Dasselbe galt für den so spät Speisenden.
Und das Tor seiner Handlungsmöglichkeiten schloss sich, sobald sich die Türe der Taberna öffnen würde..

Der Kaldenberger fluchte leise, löste mit zwei Handgriffen das Schwertgehänge, um sich schneller und leiser bewegen zu können. Unvermittelt stand er auf, sein Schwert an der Sitzbank liegen lassend. Mit hastigen Sätzen war er an dem jungen, untersetzten Mann heran, noch bevor dieser die Tür erreichte. Adenio griff an dessen Kragen und zog ihn ruckartig nach hinten. Als der junge Mann anfing, sein Gleichgewicht neu zu suchen, trat ihm Adenio gegen das Standbein, um ihm die Füße unter dem Körper wegzufegen.
Der Mann war sichtlich nicht vorbereitet auf diese Aktion.
Mit einem lauten Rumms schlug er vorwärts auf dem Boden auf, sein Kopf prallte hart auf die Bretter. Ein Laut tiefen Schmerzes entwich seiner Kehle.

Sofort erstarb jedes Gespräch im Raum.
Alle Augen waren auf Adenio gerichtet.

Die Unbedarftheit, mit der sein Gegenüber zu Boden gegangen war, verunsicherte den Angreifer. Zwar presste er eines seiner Knie gegen das Brustbein des Liegenden, doch sein Blick suchte den des älteren Mannes in der Ecke. Eine Frage lag in seinen Augen, er hoffte, von dem aufmerksamen Alten auf dem sprichwörtlichen “Streuner-Platz” eine Bestätigung zu erhalten, ob die tätliche Anschuldigung Adenios den Richtigen getroffen hatte.

Dieser schien, wie viele andere im Raum, schockiert zu sein ob dessen, was er da sah - und wie die Mehrheit im Raum machte er keine Anstalten, sich einzumischen. Überhaupt war der Raum geprägt von einer Passivität… niemand schien sonderlich erpicht darauf, eingreifen oder selbst zwischen die Fronten zu geraten, aus welchem Grund auch immer.

Niemand… von einer Ausnahme abgesehen.

Die junge Frau hatte ihren Posten am Tisch verlassen und ging, den Kopf gesenkt, in Richtung der Treppe zu den Schlafgemächern. Es war geradezu auffällig, wie sehr sie versuchte sich dabei unauffällig im Hintergrund zu halten. Ihr Blick wanderte nervös umher… bis sie Adenio erblickte, der wiederum sie sah.

Einen Moment lang starrten die beiden sich an.

Dann nahm die Frau ihre Beine in die Hand.

Mit einem wütenden Brüllen, das nicht einmal versuchte, menschliche Sprache zu imitieren, stürzte ihr Adenio hinterher. Sein Opfer ließ er achtlos auf dem Boden liegen. Die steile Zornesfalte zwischen der Stirn und sein impulsives Voranstürmen ließen keine Zweifel daran, dass er mit seinem nächsten Opfer nicht rücksichtsvoller zu verfahren gedachte.

Panik zeigte sich in den Augen der jungen Frau, als sie sich umwandte und die Treppe hinauf stürmte, dabei in ihrem Übermut stolperte und beinahe fiel.

Auch im Schankraum schienen die ersten mittlerweile zu verstehen, was sich ereignete, und begannen laut zu rufen und das Geschehen zu kommentieren. Doch niemand stellte sich Adenio in den Weg.

So fiel es ihm nicht schwer, der Diebin in den oberen Stock zu folgen, ja sogar ein Stück weit zu ihr aufzuschließen. Panisch sah sie sich um. Viele Optionen hatte sie nicht, also warf sie sich einem spontanen Impuls folgend gegen die erstbeste Tür und stürmte in eines der Gästezimmer.

Im Jagdfieber stürzte ihr Adenio ins Zimmer hinterher. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, in Vorbereitung des Danks, den er der Diebin für diesen Ausklang des Abends zu kredenzen gedachte. Zu oft war ihm in seinem Leben übel mitgespielt worden, als dass er diese Tat ungesühnt hinnehmen würde…

…und anders als so oft in der Vergangenheit waren ihm die Götter hold. Der Raum war dunkel, Adenio konnte nur einen Schemen ausmachen, unmittelbar vor ihm. Doch er bekam den Schemen zu fassen.

“Halt, ich bitte Euch, hier, hier, nehmt es zurück!”, rief die junge Frau panisch. Ein kleiner Beutel, offenbar gefüllt mit Münzen, prallte gegen Adenios Brust, fiel dann zu Boden. Ihr Blick war gezeichnet von Furcht.

Adenios Kiefer mahlte. Die Knöchel seiner Hände färbten sich weiß, so fest waren die Fäuste geschlossen. Es behagte ihm nicht, die Furcht im Gesicht der Diebin zu sehen, sich selbst als Quelle dieser Furcht zu erkennen. War jetzt ER der Täter? Er fühlte jene nur zu bekannte Hilflosigkeit in sich aufsteigen, immer missverstanden zu werden.

“Wir können es jetzt nach meiner Methode machen, oder nach Deiner!” hörte er sich selbst ruhiger sagen, als er sich gerade fühlte.
“Meine Methode sieht vor, dass Du mir jetzt alle Börsen gibst, die Du hier und heute erbeutet hast. Ich werde Dich am Ohr packen - nicht zu fest, wenn Du Dich nicht wehrst - und nach unten in den Schankraum führen. Dort werden wir uns beide bei dem jungen Mann entschuldigen, den ich, äh, zu Fall gebracht habe. Und dann führe ich Dir zur Tür und gebe Dir einen Arschtritt - auch nicht zu fest, sofern Du mich nicht ärgerst. Und Du kannst Deiner Wege gehen.” In Gedanken fügte er hinzu: “...sofern die anderen Gäste überrascht genug von unserem Schauspiel sind.”
Seine Miene verfinsterte sich theatralisch, als er weitersprach: “Wir können es aber auch nach Deiner Methode machen und schauen, wie die Leute hier so drauf sind. Vielleicht verhilft Dir das zu einer Hochzeit mit dem Seilerssohn…” Er neigte den Kopf kurz zur Seite, rollte mit den Augen und streckte seine Zunge seitlich heraus, um sicherzugehen, dass die Diebin seine Redewendung verstand.

Die Diebin war sichtlich überrascht von diesem Angebot. Adenio sah deutlich, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete, sie die eine Option gegen die andere aufwog.

All ihren Verdienst verlieren?
Oder womöglich das Leben lassen…

Einen augenblick lang kaute sie unschlüssig auf ihrer Unterlippe. Dann schien sie einen Entschluss gefasst zu haben. “Es… es tut mir wirklich leid…”, stammelte sie, während sie langsam und so dass Adenio es gut sehen konnte an ihrem Gürtel nestelte und einen weiteren Lederbeutel löste. Auch darin klimperte es.
Als sie ihn in der Hand hielt, warf sie ihn vorsichtig zu ihrem Gegenüber, doch dieses mal so, dass er ihn gut sehen, ihn fangen konnte.

Er war nicht allzu schwer in seiner Hand. Wem auch immer der Beutel gehörte, allzu viel Barschaft schien er nicht mehr gehabt zu haben.

“...aber ich versuche mein Glück”, kam der zweite Teil des Satzes, aus deutlicherer Entfernung.

Die Diebin hatte den Bruchteil eines Augenblicks, den Adenio auf den Geldbeutel in seinen Händen geblickt hatte, genutzt, hatte sich umgedreht und rannte nun erneut vor ihm weg - auf das Fenster zu.

Mit einem lauten Krachen barsten die hölzernen Fensterläden, während die Diebin ein Stockwerk nach unten stürzte.

Adenio eilte zum Fenster - nicht um die Verfolgung aufzunehmen, sondern aus Neugier, wie der Sturz wohl ausgegangen sein mochte. Wenn er es richtig in Erinnerung hatte, befanden sich an dieser Hausseite eine trockene Hecke und Pferdegatter. Kein perfekter Landeplatz für einen derart kühnen Sturz…

So wunderte es ihn auch nicht, dass er - nach einem weiteren lauten Rumms - die Diebin am Grund ausmachte. Sie rappelte sich mühsam auf, war offenbar tatsächlich halb auf der Hecke, halb auf der hölzernen Umzäunung gelandet und hatte sich ganz offensichtlich an der Hüfte verletzt. Während sie sich umständlich aufrichtete, hielt sie ihr linkes Bein steif und etwas abgewinkelt, um es ja nicht zu belasten.

Kaum dass sie wieder aufgestanden war, wandte auch sie sich um und blickte zum Fenster. Es war nicht schwer Adenio auszumachen, dessen Kopf zwischen den geborstenen Fensterläden hervorlugte. Breit grinsend deutete sie eine leichte Verbeugung an, dann wandte sie sich um und humpelte auf die Pferde zu, die an einem Unterstand fraßen.

Ihr Häscher stand mit verschränkten Armen am Fenster. Er hatte ein ironisches Lächeln auf den Lippen. Eigentlich war er ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Da er eine Schwäche für etwas verruchte, junge Frauen hatte, wäre es nicht in seinem Sinne gewesen, die Diebin schwer bestraft zu sehen. Und wenn sie sich jetzt auf ihr Pferd schwang und… Adenio stutzte. Ihr Pferd?
Das Lächeln auf seinen Lippen verschwand.
“Nicht das ganz linke!” brüllte er ihr hinterher. “Und auch nicht den Falben daneben!”
In ihm erwuchs große Sorge.
“Wehe!!!”
Fluchend steckte er sich beide Geldkatzen in die Tasche und machte sich an, aus dem Fenster zu steigen, der Diebin hinterher - nur vorsichtiger als diese: Er hängte sich an die Unterseite des Fensteröffnung und ließ sich dann kontrolliert auf den Grund fallen - zwischen Hecke und Gatter.
Mit einem leichten Ächzen kam er auf. Er schien sich nichts verletzt zu haben. So hastig, wie er nur konnte, lief er der jungen Frau hinterher.

Diese hatte mittlerweile die Pferde erreicht. Da die Biester nicht angebunden waren, weder Sattel noch Zaumzeug trugen, näherte sie sich vorsichtig in dem Versuch, die scheuen Tiere nicht zu verschrecken. Das Geräusch, als Adenio auf dem Boden aufkam, erschreckte die Pferde kurz, sie wichen etwas nervös zurück - was Adenio Zeit erkaufte.

Aber es zog auch die Aufmerksamkeit auf ihn.

Die Diebin erblickte ihn, einen Fluch auf den Lippen. Panisch griff sie nach einem der Pferde, nach seiner Mähne, doch das Tier entriss sich ihrem Griff. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Offenbar war sie vielleicht eine gute Diebin… aber keine sehr erfahrene Reiterin.

Also tat sie das einzige, was ihr noch blieb. Sie drehte sich zu Adenio, musterte ihn abschätzig.
“Du bist hartnäckig, Caballero… das ist… sehr beeindruckend!” Sie machte einen Schritt auf ihn zu statt von ihm weg, legte ihre Hand auf seine Brust. “Sieht aus, als wenn ich dir nicht entkommen kann, ganz gleich was ich tue”, flüsterte sie. “Was nun, stolzer Caballero? Wie gedenkt ihr nun mit dieser armen, schwachen Frau zu verfahren, hm?”
Adenio musterte sie kurz, dann legte er ihr Daumen und Zeigefinger der Linken unter das Kinn, wie um sich das Gesicht der Frau im Mondlicht zu besehen. Ein leises, vermeintlich genießerisches Summen war aus seiner Kehle zu vernehmen.
Doch dann griff seine Rechte unvermittelt nach ihrer Hand auf seiner Brust. Diese wand er, bis er die deutlich schwächere Frau zu einer halben Drehung gezwungen und ihr ohne Mühe den Arm auf den Rücken gedreht hatte.
Er flüsterte ihr ins Ohr, wobei er ihren verführerischen Ton imitierte: “Ich gedenke, mein Wort zu halten!”
Dann schubste er sie von sich weg und verpasste ihr einen kräftigen Tritt in das Gesäß.

Aus Vorsicht klug geworden, tastete er nach den Börsen an seinem Gürtel.
Erst als er beide Behältnisse spürte, rief er barsch: “Jetzt mach’ Dich fort - aber auf Schusters Rappen, nicht auf meinem!”