Chronik.Ereignis1046 Rosen auf verbrannter Erde 05
Gräflich Taladur, Perraine 1046 BF
Gräflich Taladur
Autoren: Familia Cordellesa, Amrit
Zu der Zeit, als die Mandelbäume begannen zu blühen und Peraine über die ersten jungen Lämmer wachte, erreichte Magister Cordellesa ein Brief aus Ragath. Das Schriftstück war gesiegelt mit einem Löwen, der eine Praiosscheibe in Pranken hielt.
Werter und geschätzter Dom Erresto Cordellesa, möge Rahja Euch dieser Tage mit Harmonie segnen, und Perraine mit Gesundheit! Zu lange schon liegt unsere letzte Unterredung zurück. Wenn es Euch beliebt, so würde ich mich freuen, falls Ihr in Güte mich empfangen würdet auf der Finca de la Vega. Ich habe ein hoffentlich nicht zu dreistes Ansinnen an Euch, Freund der Rosen.
Ich verbleibe treuverbindlich, Emilio Lampérez di Rueda-Schreiben des Dom Emilio an Magister Erresto
Erresto drehte den Brief unschlüssig in seiner Hand. Wer war das noch? Wo habe ich diesen Emilio kennengelernt? Er verließ seinen sonnigen Platz in seinem Rosengarten und suchte Leandro von Honingen. Dieser war im Arbeitszimmer damit beschäftigt Listen abzuarbeiten. "Hallo Leandro, seid gegrüßt, darf ich Euch kurz unterbrechen?"
Leandro blickte auf. "Hallo Erresto, natürlich. Was kann ich für Euch tun?".
Erresto hielt ihm den Brief hin. "Kennt Ihr einen Emilio Lampérez di Rueda?
"Ja, das ist ein Maler, aus Punin, wenn ich mich recht entsinne".
Erresto zog die Stirn kraus. "Ein Maler? Woher soll ich einen Maler kennen?".
Leandro überlegte kurz. "Dieser Emilio hat für Eure Mutter ein Gemälde gemalt, der Anlass war die Ernennung Eures Herrn Vater."
"Ach so, ja - stimmt. Danke! So überlasse ich Euch wieder Euren Listen, möge Hesinde Euch gewogen sein."
„Habt Dank, Erresto."
Erresto nahm sich vor dem Künstler in den kommenden Tagen zurückzuschreiben:
''Geehrter Emilio Lampérez di Rueda, möge Rahja auch Euch immer gewogen sein. Ihr hättet gerne euer geheimnisvolles Anliegen in Eurem Briefe beschreiben können, aber womöglich habt Ihr Gründe, dies nicht zu tun. Wenn Ihr es einrichten könnt, so kommt am 28. Peraine auf die Finca de la Vega.
Es grüßt Euch Magus Erresto Cordellesa''-Schreiben des Magister Erresto an Dom Emilio
"Er mag keine Überraschungen", dachte Emilio, Meister Errestos Schreiben in Händen. Einige Momente wanderte sein Blick in die Ferne, während er auf der Loggia des Palazzo Lampérez saß. "Ich frage mich, ob das immer so ist, oder steht er unter den Auswirkungen der jüngsten unglücklichen Ereignisse." Aber ja, er hatte durchaus Sorge, die Familia di Rueda würde seiner Idee einen raschen Riegel vorschieben bei Gelegenheit. "Nun gut, zumindest ist mein Brief nicht unbeantwortet an die Kanzlei zurückgegangen. Und er hat mir einen Tag genannt."
Pünktlich am 28. Peraine wurde der Maler also vorstellig auf der abgelegenen Finca. Der Weg war staubig, dementsprechend sahen Ross und Reiter aus. Langsam ritt der Fremde auf das Hauptgebäude der Finca zu, nachdem er die Umzaummauer passiert hatte. Niemand schien sich daran zu stören, und alle gingen ihrem Tagewerk nach. Drei Knechte rollten ein Fass Wein über den Hof, aber da stand nun unschlüssig dieser Reiter. Einer zog seine Mütze ab und sprach ihn an: „Hoher Herr, könntet Ihr bitte mit Eurem edlen Schimmel beiseitetreten?“
Der Staub hatte seine gute Stimmung nicht trüben können, zu schön war nach dem Weichen der Tristeza die aufblühende Landschaft des Valquirtals. Im Hof herumzustehen machte Emilio allerdings tatsächlich ratlos. War man auf dieser Finca keinen Besuch gewohnt? Sein Pferd konnte nach dem langen Ritt gewiss Weide und Tränke brauchen, aber das musste warten, bis ihn jemand in Empfang nahm. Mit gewisser Erleichterung betrachtete Emilio also die Fellachen, die sich mit ihrem Fass abmühten. Mit leichtem Druck der Ferse bedeutete der junge Mann seinem Yaquirtal-Shadif, einige tänzelnde Schritte seitwärts zu treten. "Emilio Lampérez die Rueda. Ich werde erwartet", beschied er dann den Knechten.
„Oh, Hoher Herr, ich sage sofort Bescheid!“ Der Mann drehte sich um und lief in die Finca. Kurze Zeit später kam er zurück. „Dom Erresto wird gleich bei Euch sein.“
Wenig später kam ein verdrießlich dreinblickender Erresto aus der Tür getreten. Er erblickte Emilio und sein Gesicht hellte sich merklich auf. Er ging gemessenen Schrittes herüber 'Emilio, natürlich! Verzeiht. Hier geht es derzeit drunter und drüber. Wir kennen uns aus Djambulkand, richtig? Ich hatte zu meiner Schande, muss ich gestehen, Euren Familiennamen nicht mehr gewahr. Verzeiht mir das bitte. Der Ritt war sicherlich langwierig. Wollt Ihr Euer Pferd versorgen lassen oder es gar selbst versorgen?'
Sein Gast war abgestiegen und ging dem Cordellesa entgegen. Emilio kam nicht umhin, den leicht abgehärmten und müden Zug um Errestos Augen zu erkennen, der neu war seit ihrem letzten Zusammentreffen. Umso wärmer lächelte er den anderen nun bei der Begrüßung an. "Dom Erresto, so ist es, und es freut mich, Euch in unserer beider Heimat wiederzusehen. Da Ihr vom Land der ersten Sonne sprecht..." er holte ein in Stoff verschnürtes und wohlduftendes Paket aus seiner Umhängetasche "hier ein kleiner Gruß aus der Region, tulamidische Gewürze für Eure Küche. Ich war erst wieder südlich des Walls. Danke für Eure Gastfreundschaft und Bereitschaft, mich zu empfangen! Den Wallach überantwortete ich gern den verantwortungsvollen Händen Eurer Leute."
"Ich danke Euch, Ihr seid sehr zuvorkommend, es wäre nicht nötig gewesen mir solche Kostbarkeiten zu schenken. Ich danke Euch! Lasst uns hinein gehen." Er bedeutete Emilio, ihm zu folgen. Der Weg endete im Speisesaal, zuvor kam man an einem nahezu pompösen Rahjaschrein vorbei. Bei Speis und Trank saßen die beiden kurze Zeit später im Speisesaal. Dieser war weitläufig und bot sicherlich dutzenden Gästen Platz, aber praktisch und dezent eingerichtet. Ein schwerer, dunkler Tisch aus Kirschholz dominierte. Die Wände waren vertäfelt mit dem Holz desselben Baumes. An der Decke war ein großer eiserner Kronleuchter aufgehangen, mit dem man diesen sicherlich gut ausleuchten konnte. Der Boden war aus robustem Holz und die Dielen war sehr verkratzt. Truhen unter den Butzenglasfenstern luden ein, auch dort zu verweilen. Umrandet wurden diese von roten Vorhängen, die mit Weinreben bestickt waren. Eine breite doppelflügelige Tür, die offen stand, ließ frische Luft herein. "So erzählt, was kann ich für Euch tun?"
Emilio hatte den Blick noch über den Raum wandern lassen, sah bei der Frage nun Cordellesa an, sein Ausdruck warm und entschuldigend: "Dom Erresto, danke, dass Ihr mich anhört – gerade jetzt, wo Ihr gewiss vieles andere zu bedenken habt. Mein Anliegen ist, in Anbetracht der Umstände, beinahe belanglos. Doch dachte ich, es könne nicht schaden, in dieser Zeit einen Reisegefährten zu besuchen, dem ich freundlich verbunden bin. Und vielleicht begrüßt Ihr ja auch die Zerstreuung. Es geht, wie bereits geschrieben, um Rosen." Er lächelte bei dem Wort. "Euer Ruf als Züchter von besonders schönen Blumen ist bekannt. Was ich gerne anfragen möchte: Könntet Ihr Euch vorstellen, eine Eurer hervorragenden Züchtungen nach einer bestimmten Person zu benennen, und mir einen Ableger davon zu verkaufen? Es geht um ein diplomatisches Unterfangen. Der Mensch, nach dem ich gerne eine Rose benannt sähe, ist Prinzessin Tulameth."
Erresto errötete leicht und lächelte. Er sah Emilio eine Zeit an. "Ihr ehrt mich. Ich dachte nicht, bei Rahja, dass meine Rosen einmal solche Freude bringen könnten. Bei der schönen Geliebten, Euer Ansinnen fühlt sich richtig an und ich würde gerne diesem nachkommen. Ich hoffe nur, dass Eure Erwartungen auch erfüllt werden können. An was dachtet Ihr? Soll es eine Farbe, eine Blütenkonstellation oder die Blattform sein? Für eine Prinzessin muss es natürlich etwas Besonderes sein. Das Habitat! Wo sollen diese Rosen später gedeihen..?" Erresto, vor Begeisterung entzündet, überschüttete Emilio mit eine Menge Fragen. Seine Augen leuchteten und sein Blick schien entrückt, ob der Möglichkeiten und Herausforderungen.
Emilio war im besten Sinne überrascht. Erresto schien wahrhaft angetan von dem Thema. „Das sind kluge Fragen, und ich danke Euch für das Entgegenkommen. Tulameth ist für ihre Großherzigkeit gegenüber Bedürftigen bekannt. Sie hat Schweres erlebt und trägt eine leichte Melancholie in sich – doch hat es ihre Integrität nicht gebrochen. Ich stelle mir eine Rose von sehr blasser Farbe vor, doch kein kaltes Weiß. Zum Herzen hin wärmer getönt. Der Duft sollte zu ihrer Erscheinung passen: weithin wahrnehmbar, aber klar. Nicht drückend. Es gibt Legenden, sie sei als Halbwüchsige aus dem Fenster gestiegen, um die Armenviertel zu besuchen – also vielleicht eine Kletterrose. Habt Ihr unter Euren blühenden Kostbarkeiten eine Rose, die dem ähnlich kommt?"
"Nun... ". Erresto lehnte sich zurück und dachte nach... "Lasst mich Euch meinen Rosengarten zeigen, sobald wir mit dem Mahle fertig sind. Ich habe die eine oder andere Idee, die Eurer Vorstellung nahekommen könnte."
"Ich bin Euch sehr verbunden! Euer Rosengarten alleine wäre den Weg hierher wohl wert. Es freut mich aber auch sehr, Euch wiederzusehen Das wollte ich schon seit unserem Kennenlernen in Gorien. Habt Ihr in nächster Zeit wieder Reisen vor, werter Erresto?"
"Vielleicht eine kleine Reise. Ich studiere derzeit ein Werk über Schutz- und Bannsigillen, das muss aber sehr bald wieder in seine Bibliothek. Eigentlich noch im alten Jahr...nun."
Sie verließen das Haus und wurden vom Lärm der Betriebsamkeit des Gutes eingehüllt. Im Gartenbereich angekommen wurde es merklich leiser. Zwischen hohen Büschen versteckte sich ein bekiester Eingang, nachdem Sie in den Weg einbogen, eröffnete sich der Rosengarten. In der Form eines halbvollen Madamals war dieser zu durchqueren. Es waren viele Rosenstöcke und anderes Gehölz zu sehen, viele der Rosen standen in voller Blüte und sandten einen betörenden Duft. Sie ließen sich auf einer Bank nieder. "Diese Züchtung..." Erresto wies auf eine Rose, die in blassem Rosa blühte, "...könnte ich mir für Eure Ansinnen vorstellen." Die Kreuzung hat noch keinen Namen und ist im ersten Jahr, wir müssen erst sehen, wie sie sich weiterentwickelt. Sehr wahrscheinlich wird Sie eine Einmalblüherin bleiben, aber sonst passen viele Eigenschaften. Was meint Ihr?“
Dom Emilio stand einige Momente sinnend vor der Pflanze. Neigte sich auch einer der Blüten zu. Dann wandte er sich Erresto zu, lächelnd: "Ich finde sie ist perfekt. Danke für Eure bereitwillige Unterstützung, Dom Erresto, das ist keine Selbstverständlichkeit! Gerne revanchiere ich mich mit einem Gemälde ... vielleicht von einer Eurer liebsten Rosen? Ich male gewöhnlich eher Menschen statt Stillleben, aber Rosen haben ja eine Persönlichkeit."
"Nun, es kommt darauf an, welche Spielarten der Malerei Euch liegen. Ich suche schon längere Zeit einen leidenschaftlichen Maler für ein Aktbild. Des Weiteren möchten wir ein Familienportrait anfertigen lassen. Würde Euch das liegen und habt Ihr derzeit Kapazitäten für derartige Aufträge?"
"Ein Aktbild..." Der Maler klang leise überrascht, aber nicht in schlechter Weise. "Ich sehe und male Körper als etwas, das in gewisser Weise heilig ist. Ein Tempel und Garten. Ob das leidenschaftlich in Eurem Sinn ist, kann ich nicht abschätzen. Aber ich mag solche Sujets, ja. Für ein Familienportrait kann ich mir auch gerne Zeit nehmen, im Laufe der kommenden Monde!"
"Das klingt vielversprechend. Es hat keine Eile. Vielleicht Mitte des kommenden Jahres?"
"Gerne, jawohl." Emilio lächelte dem anderen kurz zu, und stand dann einen Moment einfach ruhig im Schein der spätnachmittäglichen Sonne, im Duft des umgebenden Rosenhains.
Als er sich wieder Magister Cordellesa zuwandte, wirkte er von einem Gedanken angetan. "Zuvor habe ich ein anderes Projekt vor. Ich möchte Bilder vom Leben der Zahori malen, bei einer ihrer Versammlungen zum Jahreswechsel. Würde es Euch interessieren, mitzukommen? Auf unserer früheren Reise hatten wir ja schon Einblicke, die durchaus ein Interesse wecken konnten."
Erresto dachte kurz nach. "Zahoris? Ihr seid dahin eingeladen? Interessieren würde mich das schon. Sie verbringen die Tage zwischen den Jahren im Schutz der Gemeinschaft, nehme ich an?"
"Nicht der schlechteste Ort, um die Zeit herumzubringen" Sein Gegenüber streckte sich etwas. "Ja, ich bin eingeladen. Ich vermute teils wegen meiner Fähigkeiten, teils weil diese Teehausbetreiberin es lustig fand, wie leicht sie mich über den Tisch ziehen konnte. Ich brauche also Eure Unterstützung."
Erresto dachte kurz nach: "Ich könnte es mir vorstellen. Wo treffen sich die Zahoris und wann wollt Ihr da hinreisen?"
"Nahe Brig-Lo. Ich werde davor wieder in Omlad sein. Wir könnten uns dort treffen für das letzte Stück Weges?" Emilio freute sich leise über die Zusage. Bei allem, was in letzter Zeit in Taladur los war, wünschte er dem Cordellesa einen Szenenwechsel, einige Tage Leichtigkeit.
Erresto dachte kurz nach."Wenn es Euch beliebt, könnten wir zusammen von Punin nach Omlad reisen. Ich muss das Buch noch zurück geben und ein Geschäft in Punin tätigen, aber das geht schnell. Was meint ihr?"
"Das können wir einrichten! Ist Euch eine Flussfahrt recht? Ich schätze die Ruhe und Möglichkeit zu lesen. Oder zu Pferd, die Strecke?"
Erresto freute sich. "Das klingt famos, normalerweise reise ich mit meinem Pferd, Impagablo, aber vielleicht wäre es gut, dieses mal per Schiff zu reisen. Dann machen wir das so!" Die beiden Männer besprechen noch die Details und verabschiedeten sich schließlich freundschaftlich. Wenn es den Zwölfen gefiel, würde man in acht Wochen wieder zusammenfinden.