Chronik.Ereignis1046 Rahjagefälliges - von Möpsen, Thermen und Korkenten 03
Punin, 5. Praios 1046 BF
Autor: Erlan
Es war nicht einfach, sich durch die Menge von Bewunderern zu schlagen, die sich um die Primadonna gebildet hatte. Doch Ludovigo wartete den rechten Augenblick ab. Ein Diener mit einem Tablett edler Kelche drängte sich durch die Menge, der Kreis öffnete sich kurz – und genau in dieser Lücke trat Ludovigo vor.
„Gnädigste,“ begann er mit einer tiefen, ehrerbietigen Verbeugung, „ich darf Euch meinen Dank aussprechen – für eine Darbietung, die uns allen den Göttern nähergebracht hat.“ Seine Stimme war fest, aber nicht zu laut, ein höfisches Maß haltend. Dann beugte er sich ein klein wenig näher, sodass nur sie es vernahm, und fügte leiser hinzu: „Und ebenso für die Klugheit, mit der Ihr gewisse Zeilen ausgelassen habt.“
Er hob den Blick, ein kaum merkliches Zwinkern huschte über sein Gesicht – wissend, verständnisvoll. Die Sängerin hielt für den Bruchteil eines Augenblicks inne, erwiderte seinen Blick und schenkte ihm ein ebenso wissendes Zwinkern zurück. Kein Wort war nötig, um die unausgesprochene Übereinkunft zwischen ihnen zu bestätigen.
Schon drängten sich weitere Stimmen in das Gespräch. Ein älterer Magnat mit schlohweißem Bart sprach begeistert von der „ewigen Schönheit des Almada-Liedes“, das jedem wahren Kind Almadas im Blut liege. Eine Domna in smaragdgrünem Brokat nickte zustimmend und bemerkte, dass gerade die schlichte Kraft des Liedes seine wahre Größe ausmache – einfacher als manch kunstvolle Arie, doch unvergleichlich nah am Herzen des Volkes.
Die Sängerin aber nahm beides auf – die Leidenschaft für das Volkslied ebenso wie den Hinweis auf die Einfachheit – und antwortete mit jener geschmeidigen Würde, die ihr zu eigen war: „Beides hat seinen Platz, edle Freunde. Die Stimme des Volkes klingt anders als die Stimme der Bühne, doch beide vereint - das sind die Stimmen der Seele.“
Ein junger Edelmann griff dies sogleich auf und begann eine Lobeshymne auf die „wahrhaft göttergefällige Oper von Vinsalt“, worauf eine andere Dame lachend erwiderte, dass „kein noch so kunstvolles Rezitativ den Schwung eines almadanischen Trinkliedes zu übertreffen vermöge“. Gelächter mischte sich in die Debatte, Becher wurden erhoben, und bald spann sich ein lebhaftes Gespräch über Melodien, Reime und die Kunst, den Göttern wie auch den Menschen zu gefallen.
Während sich so eine kleine Traube um die Primadonna gebildet hatte und Ludovigo auch fast in diesem Zentrum stand, kam plötzlich an einer Seite Bewegung auf. Die Reihen öffneten sich und viele der Zurückweichenden, zu denen auch die Begleiterinnen Ludovigos gehörten, verneigten sich kurz. Niemand geringeres als der Gastgeber, der Kanzler Almadas, kam mit einem Lächeln auf den Lippen direkt auf die Primadonna zu. Und so fiel kaum auf, dass am Rande des Saals ein hochgewachsener schlanker Mann stand, dessen Hut tief ins Gesicht gezogen war. Hätte man unter die Hutkrempe geschaut, hätte man ein zufriedenes Lächeln beobachten können, bevor er sich unauffällig unter die anwesenden Adligen mischte - immer mit einem Blick in Richtung der Primadonna, des jungen Sirensteen und des Kanzlers.