Chronik.Ereignis1046 Rahjagefälliges - von Möpsen, Thermen und Korkenten 02
Punin, Anfang Praios 1046 BF
Autor: Erlan
Nach dem Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin war Ludovigo von Scheffelstein in Almada geblieben, während seine Familie den Weg über Väterchen Yaquir zurück in die Heimat angetreten hatte. Er aber wollte sich die Wochen gönnen, um seine almadanische Heimat neu zu entdecken – eine Heimat, die er seit Jahren nicht mehr mit eigenen Augen gesehen hatte.
Ludovigo von Scheffelstein war überwältigt, als er nach all den Jahren wieder Punin betrat. Schon die Tore der Stadt erschienen ihm wie ein Triumphbogen, durch den man nicht bloß in eine Siedlung, sondern in eine ganze Welt eintrat. Straßen so breit, dass man meinen konnte, sie seien eigens für Aufmärsche von Legionen geschaffen, Plätze, die größer waren als der gesamte Marktflecken mancher Städte des Yaquirbruchs. Zwischen den Fassaden aus weißem Stein und farbig glasierten Ziegeln drängte sich das Leben: Händler, die lautstark ihre Waren priesen, Wasserträger, die mit schweren Krügen schwitzend durch die Menge liefen, Kinder, die in den Gassen tobten, während Musiker mit Laute oder Schalmei versuchten, ein paar Münzen von den Vorübergehenden zu erhaschen.
Und über all dem thronte der Palasthügel mit der mächtigen Eslamidenresidenz und ihren bekannten Kuppeln. Am Fuße waren weitere prächtige Paläste und Palazzi zu sehen - und hätte Ludovigo am ersten Tag in Punin gewusst, dass er in Kürze hier sein würde, er hätte es nicht geglaubt.
Am schwersten wogen die Tage des Jahreswechsels: die namenlosen Tage, bedrückend wie eh und je, doch diesmal war er beinahe allein. Beinahe – denn er hatte genügend geistigen Beistand, um diese Finsternis innerlich zu überstehen.
Punin, 1. Praios 1046 BF
Als dann das alte Jahr sich endgültig verabschiedete und der erste Praios des neuen Jahres anbrach, erhielt er eine Depesche, die ihn überraschte: eine Einladung aus der Königlich Almadanischen Hofkanzlei. Der Kanzler Rafik von Taladur ä. H. selbst lud zur Feier am 5. Praios, dem ersten Praiostag des Jahres, am frühen Nachmittag – um den Beginn des neuen Jahreszyklus zu ehren.
Eigentlich hatte Ludovigo an diesem Tag anderes im Sinn, etwas, das sein Vater Erlan Sirensteen ihm ans Herz gelegt hatte. Doch das konnte auch später geschehen – und in Punin war der Weg von einem Ort zum anderen nie weit.
Wie klein erschien ihm auf einmal das Selkethaler Pferderennen zu Ehren der schönen Göttin, bei dem er vor wenigen Wochen noch als Teilhaber eines großen gesellschaftlichen Spektakels gegolten hatte. Und doch war es genau dieses Rennen, das sein Schicksal mit der Stadt verknüpfte: Dort hatte er unter anderem Domnatella Sarkyoza Al'Morsqueta kennengelernt, und es war jene Erinnerung, die ihm nun inmitten der lärmenden, wimmelnden Straßen immer wieder ein Lächeln entlockte.
Und inmitten dieser überwältigenden Kulisse war er schließlich nicht mehr allein: Kurz nach dem Jahreswechsel hatten ihn Selea Fabiola Al'Morsqueta, die Siegerin des Selkethaler Pferderennens über die lange Distanz, die die ältere Schwester von Domnatella Sarkyoza Rosaria Al’Morsqueta ist, aufgesucht. Sie hielt ihr Versprechen mit Punin. Er erinnerte sich noch gut an sein Versprechen mit Vinsalt. Noch immer aber klangen die Eindrücke der vergangenen Tage nach: die Begegnung mit Domnatella Sarkyoza in Selkethal, deren ironisches Lächeln und scharfzüngige Worte ihn nicht so schnell losließen; und die Stadt Punin selbst, die er so in dieser Form noch nicht gekannt hatte – größer, lauter, strahlender, als er sie sich je ausgemalt hatte oder in seiner Erinnerung war. Türme, Plätze, Paläste, Stimmen und Farben: manchmal fühlte er sich wie ein kleiner Junge in der großen Stadt, staunend und suchend zugleich.
Nun waren sie zu dritt in Punin – und bald darauf erhielt Selea ebenfalls eine Einladung in die Hofkanzlei. Anscheinend war man dort gut informiert: man wusste nicht nur, wer in Selkethal gesiegt hatte, sondern offenbar auch genau, wer sich derzeit in Punin aufhielt.
Punin, 5. Praios 1046 BF
So kam es, dass Ludovigo, Selea und Sarkyoza am 5. Praios 1046 BF gemeinsam die Stufen zur Königlich Almadanischen Hofkanzlei hinaufstiegen und den Palasthügel Goldacker erklommen, um den Beginn des neuen Jahres in jenem Saal zu erleben, der schon manchem Diplomaten, Dichter und Intriganten als Bühne gedient hatte.
Nun, da er im Saal stand, erlebte er den Höhepunkt der Darbietung. Die Sängerin mit der dominanten Stille hatte ihren zwölfgöttlichen Reigen beendet, und eine jede, ein jeder war ergriffen. Eine Domna konnte sich kaum halten und rief begeistert: „Mehr!“ – doch genau in diesem Moment fiel der Saal in Schweigen. Nach den zwölf Strophen zu Ehren der Zwölfe konnte es schlicht keine weitere geben, so etwas war undenkbar.
Ludovigo bemerkte, wie Selea unwillkürlich die Hände im Schoß faltete, als habe sie instinktiv das Bedürfnis, die Stille nicht zu stören. Neben ihr senkte Sarkyoza leicht den Kopf, das Spiel eines kaum sichtbaren Lächelns auf den Lippen, das andeutete, dass sie die Spannung eher genoss.
Er selbst sah genau, wie eine Geweihte des Praios die Stirn runzelte und ein Geweihter der Rahja leise tuschelte. Ein falsches Wort, und die Stimmung wäre gekippt. Doch die Sängerin besaß nicht nur eine Stimme, die Herzen bannte, sondern auch die Gabe der richtigen Worte. Mit sicherem Auftreten lenkte sie das Schweigen in eine andere Bahn – und bald darauf erklang das Almada-Lied:
„Almada, Du bist das Land des Sonnenscheins, Almada, nur Du!“
Der ganze Saal sang, und auch Ludovigo stimmte mit ein. Neben ihm hob Selea den Blick, ernst und würdig, während Sarkyoza das Lied mit leisen Lippenbewegungen begleitete, als wolle sie sich nicht allzu sehr in den Chor mischen.
Es entging Ludovigo freilich nicht, dass die Sängerin eine Strophe ausgelassen hatte – jene über den Horasknecht, die auch er nur ungern anstimmte. In Gedanken beschloss er, ihr später für dieses Fingerspitzengefühl zu danken.
Doch so einfach war es nicht. Denn kaum verklungen, strömten Diener in Livreen heran, balancierten Tabletts voller Getränke und kleiner Spezereien durch die Menge. Für den Fall, dass sich ein Magnat oder eine Magnatin nicht die „weite“ Strecke zum Buffet aufbürden wollte.
Ludovigo konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, trat die wenigen Schritte selbst zum reich gedeckten Tisch und griff sich ein Stück Obst, eine erfrischende Abwechslung zu all den süßen und schweren Speisen. Während er kostete, ließ er den Blick durch den Saal schweifen – Selea stand inzwischen dicht an Sarkyozas Seite, beide betrachteten still das Treiben, jede in ihren eigenen Gedanken.
Er aber suchte nach einem Weg zur Künstlerin. Doch diese war längst von einer ganzen Traube Bewunderer umringt, die ihr Komplimente machten und mit erhobenen Kelchen ihre Darbietung priesen.
Er überlegte, wie er sich dieser Mauer aus höfischen Schmeicheleien würde nähern können – ohne den Anschein eines weiteren belanglosen Bewunderers zu erwecken.
... wird fortgesetzt ...