Chronik.Ereignis1046 Der Lindwurmjäger 05
Baronie Taubental, 17. Rondra im Jahre 1046 BF
Auf Castillo Chellara (1. Praiosstunde)
Autor: vivar
“M-m-m-maestro E-e-ertax!”
Ertax Sohn des Gillgesch knurrte, rührte sich aber nicht. Er hatte sich nach dem Abendmahl in der Remise zur Ruhe gelegt, nachdem er gemeinsam mit dem Krämer Adoncio Olivarez noch zwei Krüglein Starkbier geleert hatte. Und wenn er einmal schlief, schlief er.
Der Majordomus hatte auch ihnen beiden Kammern im Gästetrakt angeboten, aber Adoncio hatte sich nicht getraut, das Angebot anzunehmen und auch Ertax hatte abgelehnt. Erstens waren ihm Menschenbetten viel weich und zu groß und zweitens wollte er unter keinen Umständen Adoncios Karren mit seiner Ladung verlassen. Der Gestank störte ihn ebenso wenig wie den Krämer, welcher vermutlich sein ganzes Leben die Ausdünstungen Faraldurs hatte einatmen müssen. Und so hatten sie sich im Stroh zwischen der Remisenwand und dem Karren eine Bettstatt eingerichtet, auf der er jetzt selig steinte.
“M-m-m-maestro E-ertax! So wacht d-doch auf!” Jemand rüttelte ihn an der Schulter, und der Stein zerbarst, zerbröselte zu Geröll und begann den Berg hinunter zu springen. Verärgert richtete der Angroscho sich auf und griff nach seiner Axt und brummte: “Heh, Xomascho! Was weckst du -”
Doch der Krämer machte “Pssst!” Mit bebender Stimme flüsterte er: “M-m-maestro Ertax, um B-borons W-willen, schweigt still! Seht nur, dort!” Er wies mit zitternder Hand auf ein weißlich schimmerndes Licht - das einzige in der Remise - jenseits des Karrens. “Ein G-g-espenst!”
Tatsächlich! Am Kopfende des Karrens stand oder vielmehr schwebte eine Gestalt von leuchtendem, fast durchscheinendem Weiß, als hätte Mada selbst sie aus ihrem Mal gewebt. Sie war menschengroß, doch wo die Füße sein sollten, hingen nur leere Hosenbeine eine Handbreit über dem Boden und in der Brust klaffte ein tiefes dunkles Loch, durch das man noch mehr hindurchsehen konnte, als durch den Rest des Leibes. Der altertümliche Schnitt seines halbtransparentes Wamses, das Barett mit der ganz weißen Feder auf dem bärtigen Haupte und die durchsichtige, schimmernde Kette auf der Brust wiesen darauf hin, dass dieser Edelmann schon lange tot, nein, untot, sein musste.
“Huuuuuuunfred!”, schrie der Geist mit hoher Fistelstimme. Und wieder: “Huuuuuunfred!”
Autor: BBB
“Bei Angroschs Bart!”, schrie Ertax erschrocken auf, von einem Moment auf den nächsten hellwach. Seine Finger schlossen sich fest um die Axt, mit einem Satz war er ächzend auf den Beinen.
“Verschwinde von meiner Trophäe, Drachenbrut!”, brüllte er dem durchscheinenden Wesen entgegen, ehe er sich in Bewegung setzte und, die Axt zum Angriff erhoben, auf den Geist zustürmte.
Autor: vivar
Nach dem Ursprung des plötzlichen Lärmes spähend, wandte dieser das barettbesetzte Haupt. Die weiße Pfauenfeder wippte durch die Luft. “Huuunfred?”, rief er erneut, ehe er Ertaxens ansichtig ward. Entsetzt riss das Gespenst die Augen auf, doch da war der Zwerg bereits heran und hieb mit der Axt in es hinein - und durch es hindurch.
Für einen Augenblick verwischte und verwirbelte der schimmernde Geisterleib und verlor seine Form, doch in kaum drei Atemzügen war er wieder hergestellt. Der Geist stemmte die Fäuste in die Hüften und fixierte Ertax mit einem gestrengen Blick aus toten Augen. Der Zwerg konnte nun genauer das Gesicht des Geistes betrachten. Zwischen buschigen Augenbrauen und einem prächtig gezwirbelten Kaiser-Alrik-Schnauzer mit Spitzbärtchen auf dem Kinn ragte eine dicke, verkartoffelte Nase hervor, wie sie vielen Almadanis zu eigen ist, wenn sie nach übermäßigem Genuss von Rahjas Gaben die 45 Götterläufe erreichen. Alles war weiß und durchscheinend.
“Haber Hunfred!”, erklang es nun mit einem Hauch vorwurfsvollen Spotts. “Hast du deine Cortezia etwas im Drachental gelassen? So begrüßt man doch nicht seinen Herrn hund Bruder? Heinerlei!” Der Geist wank ab, um dann mit vor Vorfreude glänzenden Augen auf die abgedeckte Ladefläche des Karrens zu deuten. “Was hist es? Was hast du mir haus dem Drachental mitgebracht, Huuuunfred?”
Autor: BBB
“Bei Angroschs Bart!”, wiederholte der Zwerg schockiert, ehe er sich in einer Reihe rogolanischer Flüche erging. Die Situation überforderte ihn sichtlich und während sein Blick fast schon panisch vom Geist zum ängstlich schlotternden Adoncio und zurück ging, übernahmen seine inneren Instinkte.
Ohne die Axt aus der Hand zu legen, sprang er zwischen den Geist und den Karren.
“Verschwinde, Langer!”, brüllte er den Geist an, ehe er, mit buchstäblich unmenschlicher Kraft, die Deichsel des Wagens aufnahm, sich dagegen stemmte und auf den Geist zu lief, schneller und schneller werdend, auf das Tor der Remise zu.
“Aaaaaaaaaarrrrrrr!”, brüllte er vor Zorn, als er - ein weiteres Mal - durch die geisterhafte Erscheinung hindurch preschte, und dann, ohne abzubremsen, das Tor mit der Schulter voran aufstieß, um ins Freie zu sprinten.
“Geist! Geist! Öffnet das Tor, öffnet das VERFLUCHTE TOR! SOFORT!”, brüllte der Zwerg aus voller Kehle, während er weiter über den noch vom Regen nassen Innenhof hechtete, auf den einzigen ihm bekannten Ausgang zu.
Autor: vivar
Doch es war, als ob Ertax die Stimme versagte, als würde die Dunkelheit ihren Klang ebenso schlucken wie das Licht. Stattdessen schien es ihm, als summe etwas lautlos in seinen Ohren. Weit über ihm, in einem sechseckigen Rahmen, leuchteten einige Sterne. Panisch blickte der Zwerg sich nach dem Tor um, ohne jedoch mehr als die dunklen Mauern um sich herum zu erahnen.
Erneut brüllte er: “Öffnet das Tor!”, ohne sich selbst zu vernehmen, doch zu seinem Erstaunen ging das große Hoftor wenige Augenblicke später lautlos auf. Dahinter, in der Durchfahrt, leuchtete eine einzelne Fackel und dahinter öffnete sich ein weiteres Tor in die Vorburg. Er packte die Deichsel und zog und zerrte den Karren hinter sich her.
Neugierig blickte ihm der Geist aus der Remise nach, schien jedoch zu zögern, ob er hinterherschweben sollte.
Autor: BBB
Diese Änderung im Verhalten der Geistergestalt wiederum ließ den Zwerg - in gebührendem Abstand - verlangsamen und schließlich anhalten. Er zögerte. Etwas hier ging nicht mit rechten Dingen zu, man versuchte ihn an der Nase herum zu führen, und es gab wenig, wogegen er einen größeren Groll verspürte, als an der Nase herumgeführt zu werden.
Andererseits war seine vorrangigste Sorge die Sicherung seiner wertvollen Fracht.
In gebührendem Abstand blieb der Zwerg stehen, beide Hände am Karren, bereit, jederzeit und sofort wieder los zu sprinten und das Weite zu suchen. Aber ein Feigling war er nicht, oh nein, das würde man nicht über ihn sagen können, bei Angroschs Bart!
Also wandte er sich der geisterhaften Gestalt zu, fasste all seinen Mut… und rief: “Was willst du, Drachenbrut? Wer bist du und was treibt dich hier um?”
Autor: vivar
Zu seinem Entsetzen hörte Ertax seine eigene Stimme immer noch nicht. Der Geist! Der vermaledeite Geist musste ihm die Stimme geraubt haben! Und nun schwebte dieser gar aus der Remise hervor, langsam, ohne Füße, und überquerte in untoter Ruhe den Innenhof. Die bleichen Arme gierig ausgestreckt, kam er dem Karren und dem Zwergen näher. ‘Huuunfred!’, schienen seine blutleeren Lippen zu sagen, doch auch er war stumm, riss nur den Mund auf und kam immer näher.
Autor: BBB
Einen Herzschlag lang hielt Ertax inne. Aber nicht länger. Ehe sich der Geist zu sehr nähern konnte, wandte sich der Zwerg ab vom Castillo und rannte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen. Weg, nur weg von diesem verfluchten Ort!
Sie hatten Pläne. Sie hatten Großes vor! Gemeinsam Großes. Das würde er nicht gefährden, nur um einen vermaledeiten Geist zu sprechen. Zumal er ja ganz offenbar in dessen Anwesenheit nicht zu sprechen im Stande war.
Alev würde ihn schon finden, dessen war er sich sicher.
Aber der Karren musste fort. Außer Reichweite dieser verrückten Langbeine und dieses… toten… Etwas.
Also rannte der Zwerg, schob den Karren so weit weg, wie er konnte.
Autor: vivar
Als er das Castillo verlassen hatte, schlossen sich wahrlich von Geisterhand die Torflügel und Fallgatter wieder. Etwas verloren wirkte das Gespenst nun, wie es auf dem Hofe hin- und herschwebte und immer wieder “Huunfred? Huuuunfred!” fragte.
Eine Tür öffnete sich, und heraus trat, baren Fußes und angetan nur mit einer knielangen Tunika von blutroter Farbe, welche mit einem silbernen Gürtel um die schmale Hüfte geschlungen war, die zierliche Magistra Lariana Lampérez. Ihren Spazierstock mit dem Silberknauf hielt sie in der Linken wie einen Dirigierstab.
Als sie auf die Geistergestalt zutrat, drehte sich dieses zu ihr und wiederholte wie blöde: “Huuunfred?”
“Aber, aber, Euer Hochgeboren!”, sprach die Magierin freundlich, so wie ein Kind, das mit seiner hellen Stimme einem Erwachsenen erklärt, dass er eine Narrheit begangen hat. “So besinnt Euch doch! Euer Halbbruder, der Caballero Hunfred von Drachental, ist längst tot. Er ist tot wie Euer Sohn Macaro de Camposang, der ihn im 660ten Jahre erschlug. Im Übrigen genau so tot, wie Ihr selbst, Euer Hochgeboren, seit Dom Hunfred Euch im 657ten Jahre meuchelte. Das sollten Euer Hochgeboren doch langsam wissen.” Sie deutete auf das Loch in der Brust des Geistes.
Als dieser ihrem Finger mit den Augen folgte, weiteten sie sich vor Entsetzen. Er stieß einen spitzen Schrei aus und versuchte, mit der Hand die klaffende Wunde zu befühlen oder zu bedecken. “Huuuuunfred! Bei hallen Göttern! Was hast hu mir hangetan! Das hist ja huuungeheuerlich!”
Maestra Lariana schüttelte tadelnd den Kopf, kniete sich vor dem Geist nieder und zeichnete in aller Ruhe mit roter Kreide einen siebenstrahligen Stern auf den Boden des Hofes. Die Zeichnung schloss sie leise murmelnd mit einem großen Kreis ab, während der geisterhafte Baron angesichts der Ungeheuerlichkeit seines eigenen Ablebens immer aufgeregter auf und ab schwebte.
“Gewiss doch, Hochgeboren, ich weiß, dass Ihr persönlich von Eurem Bruder enttäuscht seid. Aber man kann sich seine Familia nun einmal nicht aussuchen. Wenn Ihr nun die Güte hättet…” Sie hob den Spazierstock und begann, bosparanische Worte murmelnd, den untoten Baron in Richtung des Heptagrammes zu dirigieren.
Dies steigerte dessen Erregung noch weiter. Immer schneller bewegte er sich hierhin und dorthin, klagte jämmerlich über den Undank der Welt, beteuerte, dass er doch allzeit nur das Beste für das Taubental gewollt habe, ward langgezogen wie eine Schnur und zusammengedrückt wie eine Kugel und drehte sich dabei doch, einem silberfarbenen Brummkreisel gleich, immer schneller dem Heptagramm zu, bis er es schließlich erreicht hatte und sich, ob vor Verzweiflung oder durch die Formel der Zauberin, gänzlich auflöste.
Eine weitere Tür knarrte, und auf der Galerie erschien, einen Kandelaber in der Hand, der alte Castellan. “Maestra Lariana”, flüsterte er mit seiner brüchigen Stimme. “Was ist geschehen? Was hat das nächtliche Geschrei zu bedeuten?”
“Ach nichts, Gualdini!”, rief sie hinauf. “Es war nur der alte Dom Bernal de Camposang, der in den Stallungen erschienen ist. Ich fürchte allerdings, dass er unsere Gäste belästigt hat… Hättet Ihr die Güte, morgen in der Früh einen Eimer Wasser über den Hof leeren zu lassen? Ich glaube nicht, dass mein nächtliches Gekritzel das Tageslicht zu erblicken braucht. Gehabt Euch wohl und eine geruhsame Nacht!”
“Euch ebenfalls, Maestra!”
Magierin und Castellan verschwanden im Inneren des Castillo und ließen einen vor Furcht bebenden Adoncio Olivarez am Eingang der Remise zurück, der sich schwor, beim ersten Tageslicht diesen Ort des Unheils und seine wahnsinnigen Bewohner zu verlassen.