Chronik.Ereignis1046 Der Lindwurmjäger 04

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Baronie Taubental, 16. Rondra im Jahre 1046 BF

Auf Castillo Chellara (bei Sonnenuntergang)

Autor: vivar

Alev ibn Hamar schloss hinter sich die Tür zu seiner Kammer, streifte die Stiefel, den Rock und die Hosen ab und legte sich auf das Bett. Es war weich und an allen Seiten von schweren Vorhängen umgeben, die Winters wie Sommers die Kälte milderten, die in dem alten Gemäuer hier oben in den Bergen herrschte.

Das Castillo Chellara war ein seltsamer Ort. So fern des alten Yaquiro, der Leben, Handel und Wandel nach Al'Mada brachte und entlang dessen sich die Kultur Zulhamids und Zulhamins mit der Kunstfertigkeit Bosparans immer wieder vermengt hatte, inmitten der eisernen Berge der Angoschim, hatten die Legionen des alten Bosparaner Zaubersultans Franoras einst dieses Schloss auf eine Felsnadel gesetzt: wuchtig, wehrhaft und mit herausfordernd emporragenden Türmen, als wolle es Alveran selbst trotzen. Die magische Zahl Fünf war allgegenwärtig. Fünfseitig war der Innere Hof, fünfseitig die fünf Wachtürme an den fünf Ecken, fünfseitig auch der Bergfried. Von diesem hatte Alev tief hinab in das bewaldete Brigellatal und weit über das menschenleere Hochplateau von Ximesín und die auch im Sommer schneebedeckten Gipfel der Hohen Waldwacht blicken können. Dieses Schloss fand sich nicht am Ende der Welt, aber ganz gewiss im hintersten Winkel Almadas.

Im Inneren allerdings fanden sich eine Pracht und ein Zierrat, wie Alev sie selten gesehen hatte. Fein geweißelte Wände, wundervoll farbig gemalte Deckenfresken, Böden aus Marmor, Zorganer Teppiche, goldene Kandelaber, weiche Diwane, fein gedrechselte Möbel mit Silberintarsien und sogar einen Tisch mit einer runden Platte ganz aus Kristallglas hatte er bei seinem heutigen Rundgang erblickt. Während Ertax es vorgezogen hatte, den Tag in der Remise neben ihrem Karren mit dem Lindwurmhaupt zu verbringen, hatte Alev das Angebot der Kanzlerin angenommen, sich im Schlosse umzusehen. So viele Kammern und Säle, und einer prächtiger als der andere!

Am seltsamsten erschienen dem Tulamiden jedoch die Bewohner, oder vielmehr die Bewohnerinnen, denn die meisten Menschen, die auf dem Castillo Chellara lebten und arbeiteten, waren weiblichen Geschlechts. Zuvörderst waren da die drei Würdenträgerinnen: Die strenge Kanzlerin Daria ya Cantarra, von der er ein gesiegeltes Schreiben zur Bestätigung seiner Ansprüche als Caballero von Drachental erlangen wollte, die ihn aber aufgrund dringender Amtsgeschäfte drunten in Kellfall vertröstet und sich nach dem Morgenmahl empfohlen hatte. Die zierliche Zauberin Lariana Lampérez, welche ihn in ihrer Turmkammer freundlich begrüßt und unvermittelt gefragt hatte, ob er bereits jenen Bewohnern des Schlosses begegnet sei, welche nicht mehr am Leben waren. Sollte es hier etwa spuken? Die schöne Priesterin Elea Colombi, welche ihn lachend und scherzend durch das Schloss geführt, diese und jene Anekdote erzählt und ihn dabei nicht aus ihren eisgrauen Augen gelassen hatte.

Aber auch unter der adrett gekleideten Dienerschaft und den herausgeputzten Wachen des Schlosses waren viele ausnehmend schöne Frauen, die, wenn er vorbeiging, stets für einen kurzen Moment ihr Tagwerk unterbrachen, ihm ein freundliches Lächeln zuwarfen, und ihm sinnend eine Weile hinterherblickten, ehe sie sich wieder ihren Verrichtungen widmeten. Alev wusste um sein gewinnendes Äußeres, doch noch nie zuvor war ihm so viel weibliche Aufmerksamkeit zuteil geworden. Er überlegte bei sich, ob der Herr des Schlosses wohl in Wahrheit ein Aramya war und dies Schloss nichts anderes denn sein Harem. Und wenn dem so war, wie lange war der Baron bereits fort und die Frauen unter sich?

Unter all ihren Blicken wusste Alev nicht, ob er eine willkommene Abwechslung oder ein Eindringling in diesem hoch und fernab gelegenen Schlosse war. So hatte er kurze Zeit nach dem Abendmahl schließlich die Anstrengungen der Lindwurmjagd und der Anreise vorgeschoben, um sich auf seine Kammer zurückziehen zu können.

Hier lag er nun auf dem Bett und blickte aus dem Fenster auf das Bergland des Tosch Mur hinaus, über denen sich so langsam die Praiosscheibe senkte. Im Gebirge versank die Sonne in der Regel früh hinter irgendeinem Bergrücken. Unten in Kellfall musste sie bereits untergegangen sein, doch Castillo Chellara lag derart weit oben, dass Praios’ Licht noch immer in seine Kammer floss und die Wände erleuchtete.

Wie Alev so hinausschaute und daran dachte, dass er nun bald ein edler Ritter sei, und ihn die Frauen vielleicht deshalb so angesehen hatten, und andere angenehme Gedanken dachte, fielen ihm die Augen zu. Er wollte sich gerade einem süßen Schlummer und den Träumen, die Marbo ihm bereiten wollte, hingeben, als er ein leises Geräusch an der Tür vernahm.

Alev hob den Kopf, tastete nach seinem Messer und lugte zwischen den Vorhängen hervor. Es war die Rahjapriesterin, lieblich anzusehen in ihrem roten, an der Taille von einer silberweißen Schärpe gehaltenen Überwurf über dem schlanken Leib. Barfüßig schlich die blonde Schönheit sich herein, schloss den Riegel hinter sich und drehte sich dem Bette zu.

Überrascht zuckte Alev zurück und überlegte, was er tun sollte.


Autor: BBB

“Oh, Euer Gnaden Elea, sehen meine müden Augen recht? Was für eine Überraschung - und eine so freudige noch dazu!”, entschied er sich bemerkbar zu machen und den Vorhang zurückzuziehen.

“Was führt Euch zu mir? Was kann ein müder Abenteurer für Euch tun, um Euch die Abendstunden zu verschönern?”


Autor: vivar

Schelmisch lächelnd wiegte die Geweihte ihre schlanken Hüften und trat näher heran. “Rahja zum Gruße, Maestro Alev! Ihr seid ein sorgloser Schläfer, wenn man derart einfach bei Euch eintreten kann! Hat Euch der Anblick des Castillos ermüdet oder schliefet Ihr den Schlaf des Gerechten? Das Erlegen eines Drachen muss ja unglaublich anstrengend sein!”

Mit einem Satz war sie am Bett und griff abenteuerlustig nach den Vorhängen an dessen Fußende. “Nun hab ich mir den edlen Caballero von Drachental gefangen”, lachte sie, “und werde ihn gewiss ans Bett binden!”


Autor: BBB

Alev lachte überrascht und durchaus amüsiert. Dieser Besuch war unerwartet und eine willkommene Ablenkung von den Strapazen der letzten Tage - auch wenn er sich eigentlich keine Ablenkung erlauben durfte, denn wenngleich die schöne Frau in seinem Zimmer ihn bereits einen Caballero nannte, so war er doch weiter von diesem Ziel entfernt, als erhofft.

“Ganz gleich, was der Grund, Eure strahlende Schönheit hat jegliche Müdigkeit vertrieben, Euer Gnaden. Und um mich hier zu halten, wird keine Fessel nötig sein, Eure Anwesenheit an meiner Seite genügt vollauf, um mich den Rest der Nacht im Bett zu halten.”


Autor: vivar “Ja, bleibt nur liegen, Maestro Alev“ sprach die Priesterin mit jener warmen, melodischen Stimme, die Alev schon den ganzen Tag über im Ohr nachgeklungen war, „Ihr hattet gewiss anstrengende Tage hinter Euch.“

Sie vollführte zwei Tanzschritte und kam an die Seite des Bettes, wobei der der seidene Stoff ihres Gewandes kaum vernehmbar raschelte, während das rote Abendlicht der Praiosscheibe wie Kupferstaub durch das Fenster fiel und sich in ihrem glatten blonden Haar fing. Mit einem Finger strich sie über den Bettrand, als wäre er ein Instrument, dessen Stimmung sie überprüfen wollte. Ihre Augen glänzten mit einem Schimmer, der weder Spott noch Spuren reiner Neugier trug, sondern eine spielerische Entschlossenheit, die Alev sich nicht recht zu deuten getraute.

„Ihr seid nach Chellara gekommen, um für Eure Tat die Belohnung zu fordern - die Würde eines Caballeros. In diesen Hallen nennt man Euch bereits so: ‘der neue Caballero vom Drachental’, auch wenn noch eine Formalität fehlt. Die Dienstmägde flüstern von Eurer Tapferkeit, die Köchin kichert, wenn sie Euren Namen hört, und selbst unsere Kanzlerin, so streng sie ist, hat Euch ein zweites Mal angesehen. All das nur wegen eines Drachenkopfes, den Ihr mit Eurem zwergischen Gefährten hergebracht habt — oder wegen Eurer Augen und Eurer flinken Zunge, wer weiß das schon?“

Elea Colombi beugte sich näher, und Alev konnte ihren sanften Duft nach Rosenöl mit einem Hauch Lavendel erahnen. “Doch hier seid Ihr allein. Mein Herr, der Baron, ist seit Monden auf Reisen. Rahja gebe, dass er bald wiederkommt! Wollt Ihr wirklich ein Caballero werden, mein lieber Alev? Rittertum zeigt sich selten auf dem Schlachtfeld allein. Wie ritterlich seid Ihr, wenn niemand zusieht?”


Autor: BBB

“Ah, Euer Gnaden…”, begann der Lindwurmtöter und nun, ganz offenbar, zumindest der Ansprache nach Caballero, “Ihr seid geschickt darin Fragen zu stellen, die ein schwacher Geist wie ich nicht zu beantworten in der Lage ist!” Er lachte kurz und abgehackt. “Ich zog aus, um das Richtige zu tun, und wo andere scheiterten, scheinen mir die Götter hold gewesen zu sein. Was weiß denn ein reisender Glücksritter wie ich, was von einem Caballero, wie ihr ihn nennt, erwartet wird? Was wusste denn ich, was auf mich zukommen würde, stellte ich mich der Bestie? Nein, mir ging es stets nur und ausschließlich darum, das Richtige zu tun, das Gute, ganz gleich ob es jemand sieht oder nicht.

Doch vielleicht, schöne Frau, könnt Ihr mich erleuchten? Vielleicht habt Ihr ein Angebot, auf dass ich das Caballerogut ausschlagen möchte?!”, fragte er neckend.


Autor: vivar

Die Priesterin legte den Kopf schräg und sah ihn aus ihren eisgrauen Augen an. Dann schnalzte sie mit der Zunge: “Ihr seid entweder sehr mutig oder sehr töricht, mein lieber Alev, dass Ihr einem Lindwurm gegenüber tratet, ohne zu wissen, was auf Euch zukommen würde. Doch es scheint, als wäre zumindest Phex Euch hold gewesen, der Euch diese Begegnung nicht nur hat überleben lassen, sondern Euch gar als Sieger daraus hervortreten ließ. Kein Caballero Rondras in strahlender Rüstung zwar, aber zumindest ein Ritter des Glücks, ein Glückesritter eben.”

Sie kicherte leicht, dann setzte sie sich auf die Bettkante und strich ihm durch das Haar und über die Wange. Ihre Hand war zart und kühl. “Dann lasst mich Euch erleuchten, mein Caballero Fortunato! Wenn Ihr wahrlich ein Caballero von Drachental werden wollt, so müsst Ihr auch wie einer handeln. Zwölf Götter beschützen und bewahren uns. Zwölf Tugenden gereichen dem Caballero zur Ehre. Praiosgefällige Gerechtigkeit, rondragefälliger Mut, efferdgefällige Geduld, traviagefällige Barmherzigkeit, borongefällige Frömmigkeit, hesindegefällige Klugheit” - sie tippte Alev an die Stirn - “firungefälliger Jagdeifer, tsagefällige Hoffnung, phexgefällige List, perainegefällige Mäßigung” - sie rollte leicht die Augen - “ingerimmgefällige Beständigkeit” - sie gähnte - “und rahjagefällige Minne.”

Endlich lächelte die goldblonde Elea aufmunternd. “Ja, auch der lieblichen Göttin soll ein Caballero die Ehre erweisen. Wollt Ihr nicht mit dem Minnedienst beginnen, mein Lieber? Wie Ihr ja selbst sagtet, ist es für die Ehre einerlei, ob es jemand sieht oder nicht.”


Autor: BBB

Mit gekräuselter Stirn lauschte Alev den Worten der Geweihten. Borongefällige Frömmigkeit? Efferdgefällige Geduld? Perainegefällige Mäßigung gar? Wo hatte er sich da nur hineinmanövriert? Es war kein Wunder, dass dieses Castillo so voller gutaussehender, sich offenbar verzehrender junger Frauen war, wenn dieser Baron, den sie alle so offenkundig vermissten, in der Lage sein sollte, all diese Tugenden zu erfüllen.

Welch sterbliches Wesen konnte das schon? Jedenfalls kein Ritter, dem er je begegnet war. Aber was tat man nicht alles, für einen Titel und dafür, es dieser so grausamen Welt zu zeigen und sich zu beweisen?

Dann horchte er aufmerksam auf. ‘Der lieblichen Göttin Ehre erweisen’, das war ein Stichwort, mit dem er etwas anzufangen wusste. Endlich ein Lichtblick während dieses bislang enttäuschend verlaufenden Aufenthalts auf Chellara.

“Ich sehe, die Anforderungen an mich steigen eher, als dass ich sie befriedigt sehe… wer hätte gedacht, dass das Erschlagen eines Drachen der leichte Teil der Prüfungen auf dem Wege zum Caballero sein würde”, lachte Alev. “Nun denn. Geduld ist meine Stärke nicht und der Jagd kann ich bislang nicht viel abgewinnen… doch die liebliche Göttin zu lobpreisen sehe ich mich mehr als in der Lage!”, verkündete er vollmundig, ehe er sich eifrig zur schönen Geweihten beugte und sie in sein Bette zog.