Chronik.Ereignis1046 Der Gefangene von Taladur 16

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Reichsstadt Taladur, 25. Rondra 1046 BF

Am städtischen Schuldturm (morgens)

Autor: León de Vivar

„Wo er wohl sitzen wird, der Vivar?“ Dom Migell de Vega y Urrego reckte den Hals und blickte nach oben. Der Schuldturm war – nach dem mächtigen Bergfried des Castillo Spähricht und der Torre Tandori – der höchste Turm der Reichsstadt und gleichzeitig der jüngste.

Bis zum 995ten Jahre war hier, am efferdwärtigen Rande der Civetta, noch das Teatro de los Sueños gestanden. Dieses war jedoch am 9. Ingerimm, bei der Premiere des Heldenstücks Der Adler von Tuzak, bis auf die Grundmauer niedergebrannt. Das Versepos in vier Akten hätte eine Huldigung des Stadtherrn und Kaisers Hal von Gareth werden sollen. Schließlich hatte der junge Kaiser damals mit eigener Hand die unbotmäßige Rebellion der Maraskaner niedergeschlagen. Davon handelte auch das Stück. Doch noch ehe Oberst Raidri von Winhall das Lilienbanner abreißen und auf den Boden schleudern, noch ehe die Tuzacken ihre langen Messer streckten und winselnd am Boden lagen, ja, noch ehe Seine Kaiserliche Majestät einen göttlichen Fuß in den Tuzaker Palast hatte setzen können, hatte sich sein Kaisermantel an einem der Bühnenlichter entzündet. Die Flammen hatten alsbald nicht nur den Garether Kaiser in eine lebende Fackel verwandelt, sondern in ihrer Gier auch den Bühnenvorhang, die hölzernen Aufbauten und das ganze Theater erfasst.

Über vier dutzend Menschen, vor allem im Innenhof, waren zu Boron gefahren, als sie entweder vom Feuer ergriffen oder sich in ihrer Angst gegenseitig niedergetrampelt hatten – eine Katastrophe für die Reichsstadt und eine tiefe Schmach für die Familia von Zalfor, die das Theater betrieben hatte.

Das alles war im Jahr vor Dom Migells Geburt geschehen, doch seit jenem 9. Ingerimm war es, wie er vernommen hatte, nicht nur mit dem Kaiserreich, sondern auch mit der Kultur in Taladur bergab gegangen. Die jüngere Linie derer von Zalfor jedenfalls, die Gebrüder Benedetto und Tennetto, waren dem ingerimmgefälligen, handfesten Gewerbe mehr zugetan denn hesindialer und rahjanischer Schöngeisterei, wie sie ihr Vetter Jacinto mit seinem Theater betrieben hatte. Auch er hatte in den Flammen den Tod gefunden.

Auf den Ruinen des Teatro de los Sueños hatte der Erzene Rat zu Beginn des X. Jahrtausends den Schuldturm errichten lassen. Weithin sichtbar von innerhalb und außerhalb der Taladurer Mauern, war er eine Warnung für alle inneren und äußeren Feinde der reichsstädtischen Ordnung.

„Sie haben ihn gewiss ganz oben eingesperrt, Bruder. Da ist es am sichersten“, riss Fabia de Vega y Urrego Dom Migell aus seinen Gedanken.

Dieser nickte abwesend. „Vermutlich.“ Dann senkte er den Blick wieder. Er war abgeschweift. Bestimmt sagte er: „Der Mengozzi soll uns den Weg zu seiner Zelle weisen.“ Er bahnte sich einen Weg durch die vor dem Turm versammelten Leute. Die etwa ein Dutzend Menschen waren überwiegend Angehörige, die zu dieser Stunde darauf warteten, den eingekerkerten Schuldnern Speis und Trank vorbeibringen zu dürfen. Die Stadt kam nämlich lediglich für Wasser und Brot, sowie einmal in der Woche für eine warme Taladura auf, was dem Turm seinen Zweitnamen, „Hungerturm“, eingebracht hatte. So waren die Gefangenen davon abhängig, dass ihre Familia ihnen Nahrungsmittel, Kleider und weitere Güter des täglichen Bedarfs vorbeibrachte. Nicht selten musste ein Anteil des Mitgebrachten an die wachhabenden Gardisten abgedrückt werden, was den Turmdienst in der Stadtgarde einträglich und beliebt machte.

Im städtischen Schuldturm (morgens)

Auch die Geschwister de Vega führten einen Viktualienkorb mit sich. Um zu warten wie gemeine Popolani hatten die beiden Patrizier jedoch keine Zeit und schoben sich forsch an zwei gelangweilt auf ihren Hellebarden lehnenden Gardisten vorbei durch die Tür in die Wachkammer hinein. „Rahja zum Gruße, Teniente!“, fuhr Dom Migell einen ebenso gelangweilt sein Rapier schleifenden dritten Gardisten an. „Ist der Mengozzi da oder führt Ihr heute hier das Kommando?“

Der Gardist unterbrach für einen Moment seine Schleiferei, richtete sich schwerfällig auf und antwortete: „Der Capitán ist in der Garnison, Dom. Der Turm ist heute unter meinem Regiment.“ Er warf einen Blick auf das rote Tuch, auf dem eine silberne Rose eingestickt war, mit dem der Korb an Domna Fabias Arm zugedeckt war. Erkennend verneigte er sich: „Ah, Domna Fabia und Dom Migell! Zu wem wollen Euer Wohlgeboren?“


Autor: Cordellesa

Fabia Cordellesa schaute kurz den Turm hinauf, bevor sie antwortete: „Wir wollen zu Dom León.“


Autor: León de Vivar

Die Dienstfertigkeit auf dem Gesicht des Teniente wandelte sich zu zögernder Zurückhaltung. „Zu... dem Staatsgefangenen, Domna Fabia? Den zu besuchen, hat der Erzene Rat streng untersagt! Und... und selbst wenn, so müsstet Ihr zunächst eine Sondergenehmigung bei Capitán Mengozzi beantragen. Habt Ihr eine solche Sondergenehmigung, Domna Fabia?“


Autor: Cordellesa

Domna Fabia setzte eine triumphierendes lächeln auf. „Nun, wir wussten um diese Beschränkungen. Wir haben natürlich einen Dispens meines Mannes, dem Administrador von Gräflich Taladur, Guillermo Cordellesa, der als Vertreter unser aller Gräfin Groschka und als Mitglied des Erzenen Rates uns als seine Vertreter autorisiert. Die Autorität dieser Ämter ist einer Sondergenehmigung gleich zu setzen. Du kannst den Dispens gerne studieren oder aber mein Wort genügt dir, dann würden wir uns Aufsehen ersparen. Natürlich kann der Capitán jederzeit mit meinem Gemahl sprechen und eventuelle Unklarheiten erörtern. Da aber unsere Geschäfte uns sehr viel Zeit abverlangen, wie du dir vorstellen kannst, wären wir sehr betrübt, wenn wir unseren Auftrag heute und jetzt nicht erfüllen könnten.“


Autor: León de Vivar

„Ah. Achso. Achso. Das… ist nun freilich auch eine Möglichkeit, Domna Fabia.“ Der Soldat räusperte sich. Offenbar war ihm unwohl, und er wog innerlich etwas ab. „Ich werde Euch persönlich zu dem Gefangenen führen. Wenn die wohlgeborenen Herrschaften mir bitte folgen wollen?“ Er wandte sich um und begann, eine steile Treppe hinaufzusteigen.

Immer weiter ging es die steinerne Treppe an einer Seite des Turmes hinauf. Immer, wenn ein neues Stockwerk erreicht wurde, führte der Gang im dämmrigen Licht einiger Schießscharten an mehreren Zellen vorbei. Im ersten Stock waren dies zunächst schmiedeeiserne Gittertüren, hinter denen sich erbarmungswürdige, zerlumpte Gestalten befanden. Sie folgten den reich gewandeten Besuchern stumm mit den Augen. Es stank nach fauligem Stroh und dem, was die Gefangenen in der Nacht und am frühen Morgen in ihren Eimern hinterlassen hatten.

Ab dem dritten Stock hatte man die Gitter durch massive Türen aus dicken Steineichenbohlen ersetzt, durch schwere Riegel aus bestem Zwergenstahl gesichert und mit eisernen Durchreicheklappen versehen.

Auf dem nächsten Treppenabsatz verschnaufte der Teniente einen Moment. „Wenn ich Euch untertänigst einen Rat geben dürfte, Euer Wohlgeboren: Seht Euch vor dem Vivar vor! Er hat eine Silberzunge, die Eurem Ohr schmeichelt.“ Er machte mit den Fingern eine Bewegung am rechten Ohr. „Und gleichzeitig redet er wie ein Wasserfall – bisweilen auch, wenn er meint, dass er alleine ist und keiner zuhört. Also leiht ihm Euer Ohr nicht zu lange, sonst spült es Euch den Verstand davon!“


Autor: Cordellesa

Fabia nickte. „Danke für deinen Rat; wir werden diesen beherzigen.“


Autor: León de Vivar

Der Teniente brummte befriedigt und stapfte weiter die Stufen hinauf. Im vierten Stock befanden sich weniger Türen als in den bisherigen Stockwerken. Lediglich drei Eichentüren lagen hintereinander am Gang. „Hier haben wir anno '32 die Puniner Hunde festgesetzt.“

Migell nickte verständig. An die Festnahme der Puniner Ratsherren Abdul Assiref, Ridolfo Albizzi, Corso Tournaboni und Feron Galandi konnte er sich noch erinnern. Sie waren damals auf dem Weg ins Taubental gewesen, wo man angeblich ein neues Alaunvorkommen entdeckt haben wollte. Dass ihre ärgsten Feinde sich womöglich einer Alaunmine bemächtigten, hatte die Reichsstadt Taladur freilich nicht zulassen können und so hatten Mercenarios im Dienste Taladurs die Vier auf der Via Ferra kurzerhand überfallen und als Geiseln genommen.

„Der Albizzi und der Tournaboni mussten sich eine Zelle teilen, haha! Das war gewiss die schlimmste Strafe für die beiden alten Wucherer! Zwei verfeindete Bankiers in einer Zelle! Und der dicke Assiref war nach den anderthalb Jahren Kerkerhaft regelrecht schlank, hehe! So hat man's mir berichtet - ich war damals noch nicht bei der Garde. Naja, auf jeden Fall haben sie ihre Freiheit teuer erkauft! Und an unser gutes Alaun sind sie natürlich auch nicht 'rangekommen.“ Er grinste.

Im fünften und letzten Stock des Turmes gab es nur eine einzige eisenbeschlagene Eichentür. „Hier sitzt er ein. Der berüchtigte Seductor. Lasst mich Euch nochmals warnen, Euer Wohlgeboren: Baron León Dhachmani de Vivar mag wirken, als wäre er ein Praiostagsschüler. Doch er ist ein gefährlicher Mörder und gewiefter Schurke! Seid Ihr sicher, dass zu ihm hinein wollt, wohlgeborene Herrschaften? Ja? Dann müsste ich noch einen Blick in Euer Körblein da werfen. Pardonniert's mir, Domna Fabia, so sind nun mal die Vorschriften.“


Autor: Cordellesa

Fabia war verärgert, ließ sich aber nichts anmerken. „Wir kennen den Baron schon lange und daher wissen wir, wie mit ihm umzugehen ist, du musst dir keine Sorgen machen. Natürlich räumen wir den Korb zur Kontrolle aus.“

Fabia räumte den Korb aus. Zum Vorschein kamen Brot, Olivenöl, ein Steinkrug Wein, drei Holzbecher, etwas Punipan, ein Stück teure Lavendelseife, zwei Handtücher und ein kleines Federkissen, im Korb, aber unter einem Deckchen „verrutscht“ verblieben nur Papier, Tinte und eine Schreibfeder. „Migell, ich denke du solltest den guten Mann für sein Pflichtbewusstsein belohnen, er ist sehr sorgfältig, solche Leute brauchen wir.“

Migell de la Vega entnahm seiner Geldkatze 10 Heller und gab diese wortlos ab.


Autor: León de Vivar

Ebenso wort- wie umstandslos ließ der Teniente die Münzen in seinem Stiefel verschwinden und bedeutete Domna Fabia, dass sie den Korb wieder zudecken könne. Sodann nahm er seinen Schlüsselbund vom Gürtel, fingerte die passenden Schlüssel hervor und schloss die beiden Schlösser an der schweren Türe auf. Nachdem er auch den Riegel zur Seite geschoben hatte, drückte er die Tür auf und lud die Geschwister ein, einzutreten.


-- Fortsetzung folgt --