Chronik.Ereignis1046 Der Gefangene von Taladur 03

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Baronie Braast, 19. Rondra 1046 BF

Auf dem Edlengut Deokrath (mittags)

Autor: vivar

Domna Delilah Dhachmani de Vivar weilte in den mittäglichen Stunden auf der steinernen Terrasse des Herrenhauses zu Deokrath, als ein berittener Bote über die Via Ferra aus Richtung Süden kam. Der Knecht, staubbedeckt, trug ein versiegeltes Schreiben der Junkerin Selea Fabiola Al'Morsqueta, der Junkerin von Mestera, für welche die ehemalige Hofkapellmeisterin vorletztes Jahr ein kleines Concerto arrangiert hatte und mit der sie noch immer in diskreter Korrespondenz stand.

Als Domna Delilah das Siegel der Junkerin erkannte, runzelte sie die schöne Stirn. Doch als sie die Zeilen las, stockte ihr der Atem. Wort für Wort schlang sich wie ein kalter Finger um ihr Herz: Ihr Bruder, León Dhachmani de Vivar, saß seit nunmehr über zwei Jahren im Schuldturm zu Taladur. Zwei Jahre!

Sie ließ das Schreiben sinken, ihre Hände zitterten. Die Worte Domna Seleas waren vorsichtig gewählt, doch der angehängte Abschrieb der Verlautbarung des Erzenen Rates war mehr als deutlich: In der Stadt hielt man León für einen Schuldner, ja sogar einen Mörder, dem Blutschuld an zwei Bürgern Taladurs angelastet wurde. Man bezichtigte ihn eines Mordes auf ebenjener Via Ferra, die sie nun hinunterblickte, lange vor seiner Gefangennahme – ein Vorgang, von dem Delilah selbst als junge Frau erfahren hatte. Doch in der Erzählung ihres Bruders waren es stets die Tandori-Brüder gewesen, die ihn attackiert hatten! Wie konnten diese Feiglinge es wagen?

Erfüllt von Empörung, Scham und aufkochendem Zorn, ließ sie noch in derselben Stunde ihren Gemahl, den Edelmann Rondrigo de Braast, auf die Terrasse rufen. Mit tränenerstickter Stimme trug sie ihm die Nachricht vor. Dass man ihren Bruder über Jahre hinweg festhielt – ohne einen ordentlichen Prozess, ohne Berufung an die Gräfin, ohne die Wahrung standesgemäßer Rechte – war eine Schande und eine offenkundige Kränkung der Familia Vivar.

„Rondrigo, mein Herz! Wenn Taladur sich anmaßt, über mein Blut zu richten wie über einen gemeinen Bandolero“, sagte sie bitter, während sie sich an seine breite Brust lehnte, „dann ist es unsere Pflicht, über Taladur zu rechten wie es der Almadaner Landrechtsbrauch verlangt!“

Dom Rondrigo strich seiner Frau sanft über den Rücken und blickte die Via Ferra hinab. Dort unten lag Bangour. Dahinter erstreckten sich die rollenden Hügel der Valguzia. Und dort erhoben sich irgendwo die Bürgertürme Taladurs, in denen nun sein Schwager darbte. Der Veteran der III. Dämonenschlacht seufzte. Die Götter hatten ihnen zwölf ruhige Jahre geschenkt. Doch das war nun vorbei.