Chronik.Ereignis1046 Der Gefangene von Taladur 01

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Baronie Bangour, 18. Rondra 1046 BF

Auf Mestera (um Sonnenaufgang)

Autor: Eliane

Laute, eilige Schritte hallten durch die Gänge des Junkersitzes zu Mestera. Durchbrachen die besinnliche Stille des frühen Morgens. Tsacceo flog förmlich um die Ecke gen herrschaftlicher Terrasse, auf der Domna um diese Zeit meistens allein, höchstens mit Kindern und Geschwistern, seltenst mit wenigen weiteren Auserwählten, ihr einfaches Frühstück zu sich nahm.

Schwungvoll krachte er in einen ausgestreckten Arm, stolperte unsanft gegen eine Wand. „Was denkst du, machst du hier? Niemand stört die Domna. Erst recht nicht in diesem verlotterten, eines Vagabunden würdigen Aufzug. Voller Staub und Dreck. Wasch dich, mach dich vorzeigbar. Und dann warte, bis sie dich rufen lässt.“

Tsacceo stieg Hitze ins Gesicht. Er war die Nacht durchgeritten, hatte nur kurz in einem Schober am Wegesrand gerastet, für das Pferd. Es war schließlich wichtig. Er schüttelte den Kopf. „Sie will es bestimmt sofort wissen, wegen der Maestra!“ Die Musik zwei Götterläufe zuvor hatte er nicht vergessen, auch wenn er sie natürlich nur aus der Ferne gehört hatte. „Die haben den schönen Baron versteckt! Fast drei Götterläufe! In ihren dunkelsten Kerkern, wie einen gemeinen Verbrecher!“ Sein Gegenüber starrte Tsacceo an. „Wer hat das? Was faselst du da? Wo?“ „Die in Taladur! Rusticale! Einfach so! Einen Magnaten! Sie haben gestern einen Anschlag gemacht! Ich bin sofort zurück, als ich ihn gesehen hab!“

Durch die Tür erklang ein Glöckchen, gefolgt von vergnügtem Kinderkrähen, einem leisen Rumms und hellem Lachen. Der Diener öffnete hin- und hergerissen die Tür, um seiner Herrschaft aufzuwarten. Tsacceo nutzte die Gelegenheit.

Selea Fabiola, Junkerin zu Mestera, musterte die hastig notierten Worte der Verlautbarung des Erzenen Rats zu Taladur in ihren Händen. Geistesabwesend strich sie Daanjo über den Kopf, nahm Phessa hoch. Dann durchlief sie ein Ruck.

“Findet Keshlan, Elionai und Tertoschtax. Die schnellsten Reiter Mesteras sollen sich bereit machen. Und die Ställe die entsprechenden Pferde. Schickt Botschaft nach Tôrzîlba, richtet meinem Vater aus, er möge bitte umgehend nach Mestera kommen. Tsacceo, ruh dich aus, du wirst noch heute wieder aufbrechen. Gut gemacht!“ Der junge Mann errötete, verbeugte sich mit einem verlegenen Lächeln.

Auf Mestera (am frühen Nachmittag)

Gegen Mittag beendete die Junkerin den letzten Brief. Sie griff nach ihrem Tee, den Kesh vor seinem Aufbruch bereitet hatte. Er war kalt geworden. Seufzend stand sie auf, streckte sich, trat ans Fenster zum Park. Noch war sie ein wenig unsicher, wie die nächsten Schritte aussehen sollten. Auf jeden Fall wusste sie zu wenig. Aber Kesh war bereits auf dem Weg, das zu ändern. Sie schmunzelte bei dem Gedanken an seine Spatzen.

Es klopfte. „Ja, bitte?“ Die Tür öffnete sich. „Dom Pasquallo ist eingetroffen, Domna.“ „Danke. Führe ihn herein. Lass einen Imbiss bereiten, wir nehmen ihn auf der Terrasse ein. Die Amme soll die Kinder bringen, sobald sie wach sind.“ „Ja, Domna.“ Das Mädchen knickste und ging.

Wenig später saß der Altjunker mit Tochter und Enkeln im Freien. „Das neue Glashaus macht sich gut, Selea Fabiola. Und der Tempel wird hervorragend angenommen, den Opfergaben nach zu urteilen.“

Fabiola nickte. „Ja, das dachte ich auch, als ich das letzte Mal nach Tôrzîlba ritt. Es freut mich sehr.“ Sie musterte ihren Vater. Er sah gut aus. Also wechselte sie das Thema. „Danke, dass du so kurzfristig gekommen bist. Ich brauche deinen Rat.“ Sie schob ihm Tsacceos Gekrakel sowie einen der Briefe hinüber. „Und deine Hilfe. Ich habe ein Schreiben verfasst, um Gräfin Gerone über die Neuigkeiten zum Verbleib ihres lang vermissten Gatten zu informieren. Würdest du noch heute nach Dâl aufbrechen, um ihn zu überbringen? Vielleicht den Weg über Tolacas nehmen, Dom Rondraldo um Begleitung zu bitten? Sein Zugang zum Dâler Grafenhof dürfte besser sein als der eines Vertreters eines belanglosen Junkerguts in der Waldwacht. Wenn du willst, verweile auf dem Rückweg doch etwas auf Tolacas. Es lang her, dass du etwas außer Mestera und Punin gesehen hast, Papá.“

„Willst du mich etwa loswerden, Töchterchen?“, schmunzelte der Altjunker, während er, einen Enkel auf dem Schoß, die Papiere überflog.

„Geschickt formuliert. Mit etwas Glück bin ich unter den ersten, die ihr die Nachricht bringen. Ich breche auf, sobald wir hier fertig sind. Lass mir Gepäck nach Tolacas nachschicken, dann nehme ich jetzt das nötigste mit. So reist es sich schneller. Willst du mir ein Begleitschreiben ausstellen?“ In seinen Augen schimmerte ein Hauch von Abenteuerlust. Fabiola wurde warm ums Herz. „Gut. Ich gebe dir zwei Mann Bedeckung mit. Sie sollen dich mit dem Pferd auf dem Weg zur Brücke nach Dschadirez erwarten. Dich und dein Begleitschreiben.“ Sie klingelte, um die entsprechenden Anweisungen zu erteilen.

„An wen hast du noch geschrieben?“, erkundigte sich Dom Pasquallo etwas später.

„Maestra Delilah de Vivar zu Deokrath in der Baronie Braast und Domna Fiona de las Dardas zu Las Dardas im Taubental. Ich hatte ihnen damals bei unserem ersten Zusammentreffen in Punin versprochen mich zu melden, sollte ich etwas über den Verbleib ihres Bruders und Lehnsherren hören.“

Sie deutete auf zwei Schreiben, jedes begleitet von einer Abschrift der Verlautbarung. Dom Pasquallo griff danach, las. „Du hast dein Wort formvollendet gewählt. Mitfühlend, angemessen empört, und doch vorerst geschickt die Neutralität wahrend, ohne voreilige Zusagen zu machen.“

Fabiola schmunzelte. „Ich hatte gute Lehrer. Und ich weiß noch zu wenig. Trotzdem, die Vorbereitungen haben begonnen. Für alle Fälle.“

Ihr Vater sah sie fragend an. „Ich bin dabei, unsere Geschäfte und Verbindlichkeiten mit Taladur und den involvierten Familias zu prüfen. Habe angesichts dieser Geschäftspraktiken begonnen, mögliche Alternativen zu suchen. Erkundigungen aus allen Richtungen einzuziehen. Ruhende Kontakte zu reaktivieren. Sollte die Situation eskalieren, will ich vorbereitet sein. Vielleicht vermitteln können. Und im Ernstfalls werde ich ganz sicher nicht auf den fragwürdigen Bodensatz der verbliebenen Mercenarios zurückgreifen müssen.“

Dom Pasquallo musterte seine Nachfolgerin. „Wann bist du so erwachsen geworden, Töchterchen?“ Sie lächelte ein wenig melancholisch. „Als mir nichts anderes blieb?“ Dann beugte sie sich vor, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich hatte die besten Mentoren.“

„Unsere Gräfin wirst du auch informieren?“, erkundigte sich Dom Pasquallo, während er seiner Enkelin ein Stück Obst anbot. Kleine Finger zerdrückten das Fruchtfleisch des Pfirsich begeistert, stopften Teile in den Mund, verschmierten den Rest. In aller Ruhe wischte der Großvater das Gesichtchen mit einem feuchten Tuch sauber und bot der Kleinen eine Feige an.

Fabiola beobachtete ihn, ihren an einem Stück Brot knabbernden Sohn vor sich. „Nicht offiziell, nein. Aber Iridrixitt und Tertoschtax sind am Vormittag aufgebrochen, um sicherzustellen, dass Ihre Hochwohlgeboren Groschka nicht unwissend bleibt. Sollte ihr Administrador, der zufällig Soberan einer der involvierten Familias ist, vergessen, es ihr zu berichten.“

Dom Pasquallo nickte zustimmend. „Ich bin gespannt, wie der gute Guillermo damit umgeht, erklärt, warum er knapp zwei Götterläufe nicht gewusst hat, dass ihr Gefolgsmann zwangsweise in den Kerkern Taladurs weilte. Oder weshalb er vergessen hat, es zu erwähnen.“

„Hmhm. Ich hatte überlegt, ihm eine Protestnote zu schicken, ob dieses fragwürdigen Vorgehens. Da merkt man eben, dass es nur Patrizier sind.“

„Es sind nicht nur Patrizier involviert, Liebes. Und vergiss die andere Seite nicht."

„Nein, das dachte ich auch schon. Nun ja, sehen wir, welche Informationen sich noch finden, und danach weiß ich weiter. So lang werde ich mich gedulden. Willst du einen Tee, Papá?“ „Gerne, Liebes.“ Sie reichte ihrem Vater den zweiten Enkel, erhob sich, das Getränk zu bereiten.

Keine zwei Stunden später brach Dom Pasquallo gen Rahja auf. Die anderen Briefe hatten Mestera schon längst gen Braast, Taubental und Selkethal verlassen.