Chronik.Ereignis1044 Aufstieg der Cordellesa 16

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Gräflich Taladur, Mitte Peraine 1044 BF

Auf dem Landedlengut Zalfor (zur Mittagsstunde)

Autorin: InsomniaJones

Als Galeazzo von Zalfor aus der Kutsche stieg, die ihn zum Landgut seiner Familie gebracht hatte, fühlte er sich für einen Moment wieder in seine frühe Jugend zurück versetzt. Er liebte es bei den Pferden zu sein, dem Hufschmied beim Anbringen der Hufeisen zu helfen und bei der Weinlese mitzumischen. Sein Vater hätte ihn gerne als Kämpfer oder als Weinkenner und zukünftigen Zunftmeister der Winzer gesehen, doch das lag ihm nicht und er tat sich mit dem Fechtunterricht schwer, was seinen Vater ein wenig enttäuschte. Seine Schwester hingegen war nicht nur die Erbin, da sie die Erstgeborene war, sondern auch der Liebling ihres Vaters. Sie war eine mehr als passable Fechterin, hatte schon damals einen herausragenden Geruchs- und Geschmackssinn, interessierte sich für die richtigen Dinge und erfüllte die Erwartungen des alten Herrn über die Maßen. Nur bei der Wahl ihres Gemahls erfüllte sie diese nicht, blieb aber so lange stur bis ihr Vater nachgab und dem Traviabund seinen Segen gab.

Galeazzo atmete tief durch, bevor er das Anwesen betrat. Jedes Mal, wenn er seiner Schwester auf dem Anwesen einen Besuch abstattete, holte ihn die Vergangenheit wieder ein. Das war auch der Grund, warum er so selten hier war.

„Euer Hochwürden!“, überrascht kam die Hausdame auf ihn zu. Anscheinend hatte sie das Geräusch der ankommenden Kutsche aufgeschreckt.

„Wir haben Euch nicht erwartet. Soll ich Euer Gemach bereiten lassen?“, fragte sie ein wenig verunsichert.

Er nickte gebieterisch.

„Wo ist meine Schwester?“, fragte er leicht brummig.

Traurig senkte sie leicht den Kopf.

„Die Domna ist im Olivenhain, Euer Hochwürden.“

Galeazzo zog die Stirn in Falten.

„Im Olivenhain? Den meidet sie doch, es sei denn ….“, plötzlich glättete sich seine Stirn und ihm ging nicht nur ein kleines Licht, sondern die gesamte Praiosscheibe auf, „… es sei denn es ist dieser Tag. Deswegen ist sie gestern schon abgereist.“

„Es ist dieser Tag, Euer Hochwürden“, sagte sie traurig lächelnd.

Er nickte, drehte sich um und ging den Weg zum Olivenhain entlang. Galeazzo hatte Girolamo nie kennengelernt. Als Laudomina Girolamo kennenlernte, die beiden schließlich den Traviabund schlossen und Vittorio geboren wurde, war Galeazzo auf Wanderschaft und bekam von all dem nichts mit. Erst nach seiner Rückkehr erfuhr er von dem, was seiner Schwester widerfahren war. Nach seiner Rückkehr söhnte er sich mit seinem Vater aus. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf fuhr der zu Borons Hallen.

Das war mehr als 30 Götterlaufe her und auch sein Vater und er sich ausgesöhnt hatten, verband ihr dieses Landgut immer mit dem enttäuschten Blick seines Vaters und dem von ihm ausgesprochenen Wunsch er möge mehr sein wie seine Schwester. Lange Zeit war er neidisch auf sie und im Alter von dreizehn Jahren war sein Zorn so groß, dass er einen Unfug nach dem anderen anstellte und sein Vater keine andere Möglichkeit sah als ihn ins Noviziat des Ingerimm-Tempels in Taladur zu geben.

Dort traf er auf den Angroschgeweihten Dergrim, der sich dem ständig wütenden Galeazzo annahm, zumal er der einzige zu sein schien, der mit dem Burschen fertig werden konnte. Obwohl Dergrims Aufenthalt nur für ein paar Göttermonde geplant war, blieb er und wurde Galeazzos Lehrmeister. Von seinem Lehrmeister bekam er auch die Laterne, deren Flame einen Götterlauf lang unauslöschlich ist. Als Galeazzo auf Wanderschaft ging, hätte Dergrim ebenfalls weiterziehen können, doch er verstand es als Hüter der Wacht als Angroschs Auftrag, in Taladur das Bündnis zwischen den Zwergen und Menschen zu stärken und dort vom ewigen Kampf mit dem geflügelten Tod zu berichten.

Er dachte an den gestrigen Tag, als der Luftdschinn auf dem Gongplatz aufgetaucht war. Dergrim sah den vier Angroschim nach, die aus der Schmiede kamen und sich wohl zum Feierabendbier aufmachten, und dachte wohl kurz darüber nach sich zu ihnen zu gesellen, als plötzlich starker Wind aufkam.

„Verdammt, ich dachte ich wäre hier vor dem geflügelten Tod sicher!“, rief Dergrim aus und schien sich nicht entscheiden zu können, ob er blass und in Ohnmacht fallen oder sich kampfbereit machen sollte.

„Keiner von den Großen Miesepetern, mein Freund, es ist nur ein Luftdschinn“, versuchte Galeazzo seinen Freund und alten Lehrmeister zu beruhigen, nachdem er in den Himmel geschaut hatte und der Wirbelwind sich offenbarte.

Als die beiden Halt fanden und nicht mehr befürchten mussten weggeweht zu werden, blickten sie zu der dem Anschein nach weiblichen Dschinni. Nachdem sie ihre Nachricht überbracht hatte und verschwunden war, schüttelte Dergrim mürrisch den Kopf.

„Ein Magus benutzt einen Luftdschinn als Beilunker Reiter, was für ein mächtiger ….“, grummelte er.

„… Angeber!“, beendete Galeazzo den Satz, ebenfalls vor sich hin grummelnd.

Gemeinsam stapften sie zum Tempel.

Bis zum Olivenhain waren es noch ein paar Schritt, aber schon konnte er Laudomina auf der Bank sitzen sehen, die Girolamo und sie dorthin stellen ließen. Bevor Benedetto von Zalfor den beiden ihren Segen gegeben hatte, hatten sie sich heimlich im Olivenhain getroffen. Da der Olivenhain eine wichtige Bedeutung für das Paar hatte, schlossen sie auch dort den Traviabund.

„Hallo Schwesterherz“, sagte er, als er bei ihr ankam und sich zu ihr auf die Bank setzte.

Lächelnd blickte sie auf.

„Hallo Bruderherz“, erwiderte sie und ergriff seine Hand. „Schön, dass Du hier bist.“

„Um ehrlich zu sein hatte ich den Tag vergessen, tut mir leid.“

„Das macht nichts“, sagte sie ungewohnt gnädig, „Hauptsache ist, dass Du hier bist, was auch immer Dich hergeführt hat. Wie sieht es in der Stadt aus?“

Galeazzo erzählte ihr von dem Luftdschinn, der plötzlich erschienen war.

„Zum Glück war es kein Drache. Doch ich muss euch beiden recht geben. Was für ein Angeber von einem Magus, einen Luftdschinn als Beilunker Reiter zu benutzen“, schüttelte sie den Kopf.

Was Magie betraf, waren sich die Geschwister von Zalfor einig, was selten genug der Fall war. Magie war eine praktische Sache und beide waren Mada dankbar, dass sie die Magie nach Dere gebracht hatte, aber sie hatten etwas dagegen, dass Magie für solchen … Firlefanz gebraucht und sogar missbraucht wurde. Denn nur weil man zu etwas fähig war, hieß das noch lange nicht, dass man es auch tun musste.

Ihre Miene wurde ernst, als sie an die Nachricht des Luftdschinns dachte.

„Ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll, dass ein Cordellesa Administrador wird, auch wenn ich einen neuen Administrador immer noch für richtig und wichtig halte. Die Konsequenz davon ist allerdings, dass Platz im Erzenen Rat geschaffen werden muss. Natürlich werde ich meinen Platz räumen müssen, was mir alles andere als leicht fällt. Andererseits muss ich Esmeralda Tandori weniger sehen und noch weniger hören, was mir den Weggang aus dem Rat durchaus versüßt. Auch glaube ich, dass ich langsam zu alt für solche Querelen werde. Nach Girolamos Tod war ich dankbar eine Aufgabe zu haben, in die ich mich verbeißen konnte … aber dadurch habe ich Vittorio vernachlässigt. Ich bin selbst Schuld daran, das er nicht mit mir spricht und mich nicht einmal wissen lässt, wo er ist.“

Zärtlich strich sie über die eingeritzte Initialen von Girolamo und ihr.

„Ich vermisse ihn so sehr“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.

„Ich habe ihn leider nie kennen gelernt“, sagte Galeazzo mit tiefen Bedauern, worauf Laudomina die Hand ihres Bruders aufmunternd drückte.

„Dann erzähle ich Dir von ihm“, erwiderte sie lächelnd und begann von dem Tag zu erzählen, an dem sie Girolamo das erste Mal begegnet war.