Chronik.Ereignis1036 Keine Angst im Dunkeln

Keine Angst im Dunkeln

Castillo Melanor, Tsa 1036 BF

“Onkel, ich kann nicht schlafen.”

Thesia stand Barfuß im Arbeitszimmer ihres Onkels, ihre Puppe fest an sich gedrückt, und blickte ihn mit großen Augen an. Sie hatte den Waldausflug mit ihrer Schwester und ihrem Vater aus Furcht vehement ausgeschlagen. Zwar war sie schon öfter im Wald gewesen, insbesondere wenn die Nachbarjunkerin mit ihrer Tochter Tsaia zu Besuch war, doch bislang waren sie stets am Abend zurückgekehrt. Dieses Mal wollte ihr Vater auch die Nacht im Drottenwald verbringen. Gilia hatte dem freudig zugestimmt, Thesia war stattdessen auf der Burg geblieben. Dass sie nun allein in ihrem Zimmer schlafen musste, war ihr bei ihren Überlegungen nicht in den Sinn gekommen.

Ihr Onkel sah von dem Papier auf, an dem er gerade arbeitete. Die Kerze auf seinem Schreibtisch war die einzige Lichtquelle im Raum. Seine konzentrierte Miene wurde weich, als er sich zurücklehnte und sie mit einem Wink einlud, näher zu treten.

“Najmatī, welch seltener Segen, dass der Mond dich trotz der späten Stunde noch zu diesem alten Mann führt. Was legt einen Schatten auf dein Herz? Soll ich nach süßem Tee mit Honig rufen?”

Schüchtern schüttelte das Mädchen den Kopf und blickte auf ihre Füße. Was sollte sie ihrem Onkel sagen? Noch mehr, als vor der Nacht im Wald fürchtete sie sich davor, dass ihr Vater von ihrer Angst erfuhr. Gilia war immer so mutig. Vater lobte sie bei jeder Gelegenheit. Sie wollte nicht hinter ihr zurückstehen. “Ich vermisse meine Schwester”, sagte sie schließlich, den Blick noch immer auf den Boden gerichtet.

Shafir nickte wissend. “Na’am, die Familia ist wichtig, kleine Najmatī. Ihr hängt aneinander wie Mütterchen Ahumeda mit ihren sehnsüchtigen Blicken zum Müller Egilio. Heute teilt ihr sogar dasselbe Leid eines leeren Schlafzimmers”

Thesia nickte nur und presste ihre Puppe noch etwas fester an sich. Es war manchmal unheimlich mit ihrem Onkel. Sie hatte das Gefühl, als wisse er um ihre Gedanken.

Sein Stuhl ächzte schwer, als er sich erhob. Bedächtig streute er etwas Sand auf sein soeben geschriebenes Pergament, ehe er sich neben sie hockte. “Ich mag vielleicht nicht so mutig wie deine Schwester sein, aber wenn dir dieser alte Tulamide trotzdem Recht ist, will ich an deinem Bett Wache halten.”

Thesia dachte nach, dann nickte sie zögerlich und griff nach seiner Hand.

Zusammen gingen sie zurück in ihr Zimmer. Der Vorhang vor ihrem Fenster bewegte sich leicht. In der Burg gab es kaum einen Ort, an dem es nicht zog.

“Die Nacht verdient Respekt. Auch mir flößt sie Ehrfurcht ein”, gestand ihr Onkel, als er sie zudeckte. “Sie birgt einiges, das fremd wirkt. Als ich so jung war wie du, erschienen mir Fledermäuse furchtbar unheimlich.”

“Ja und nicht nur die”, stimme Thesia ihm zu. “Alles kommt, wenn es dunkel ist. Man weiß nie, was da ist.”

Ihr Onkel nickte ernsthaft. “Was könnte das denn alles sein?”

Thesia überlegte. So genau wusste sie das gar nicht. Sie hatte an finstere Dämonen gedacht oder böse Geister. Aber ob sich so etwas auf der Burg verstecken könnte? Ihr kam der Gedanke, dass sie Angst vor etwas hatte, was gar nicht möglich war. Doch das wollte sie gegenüber ihrem schlauen Onkel nicht zugeben. Sie schwieg.

“Schließe mal deine Augen, Najmatī”, bat er nach einer Weile. Thesia gehorchte. Zunächst passierte nichts, dann stupste er sie leicht an der Schulter. “Hast du das bemerkt?”

Mit noch immer geschlossenen Augen nickte sie.

“Und du hörst mich doch, oder?”

Wieder nicken.

“Was hörst du noch?”

Die junge Adlige konzentrierte sich. Da war der Wind, der noch immer mit dem Vorhang spielte. Irgendwo hörte sie ihn durch die Ritzen pfeifen. Das Knarzen ihrer Holztüre. Balken knackten in der nächtlichen Kälte. Sie hörte die Mäuse darüber huschen und hinter der Wandvertäfelung kriechen. Eine von ihnen fiepte leise.

Und noch etwas nahm sie wahr. Der Wind trug den Duft des nahenden Frühlings mit sich. Sie konnte die vom Schmelzwasser feuchte Erde riechen. Es vermischte sich mit dem herben Duftwasser ihres Onkels. Eine Spur Apfeltee konnte sie ebenfalls wahrnehmen.

“Die Burg”, sagte sie und öffnete ihre Augen wieder, um ihren Onkel erwartungsvoll anzusehen.

“Richtig”, lobte er. “Nicht jedes Sehen geschieht mit den Augen. Nutze deine anderen Sinne.”

“Aber was mache ich, wenn das, im Dunkeln rauskommt, so leise ist, dass ich es nicht hören kann?”, widersprach sie. Selbst im Hellen gelang es ihrem Onkel recht oft, sich an sie heranzuschleichen, ohne dass sie ihn bemerkt hätte. Sie fragte sich oft, wie er das anstellte.

Dieser lehnte sich auf seinen Hocker leicht zurück und begann, seinen Bart um seinen Zeigefinger zu wickeln. “Sag mir, Najmatī: Weshalb sollte ein Geschöpf der Finsternis höflich warten, bis du deine Kerze gelöscht hast?”

Thesia überlegte. “Alles, was Böse ist, fürchtet sich vor dem Licht”, erklärte sie.

Ihr Onkel seufzte. “Ach, Najmatī… wenn man alles, was Böse ist, mit dem Licht einer Kerze vertreiben könnte, hätten wir viele Probleme weniger. Tatsächlich fällt mir gerade keine Wesenheit ein, bei der das so wäre. Und selbst wenn, wäre dies so finster, dass ich mir nicht vorstellen könnte, was es im Schlafzimmer eines kleinen Mädchens zu suchen hätte.” Sein Lächeln war durch den dichten Bart kaum zu erkennen. Er zwinkerte ihr zu.

Das beruhigte das Mädchen nur teilweise. Skeptisch beobachtete sie, wie er weiterhin mit seinem Bart spielte. Seine Stimme wurde ernst. “Meine Aufgabe hier ist, darüber zu wachen, dass solche Wesenheiten nicht in unsere Mauern dringen können. Und dein Gemach ist der letzte Ort, den ich preisgeben würde. Darauf gebe ich dir mein Wort.”

Thesia zog die Decke bis unter die Nase. Ihre Finger spielten nervös mit dem Saum. “Und wenn doch?”, fragte sie zaghaft.

Ihr Onkel schien zu überlegen. Sanft strich er ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, so behutsam, als fürchtete er, mit der Bewegung die Kerze auf dem Nachttisch zum Verlöschen zu bringen.

“Ich bringe es dir bei”, sagte er dann. “Wie du im Dunkeln mit deinen anderen Sinnen siehst. Auf welche Weise du bemerkst, dass etwas Böses in deiner Nähe lauert. Was du tun kannst, damit es dich nicht findet und du dich ihm entziehen kannst.

Aber…” er beugte sich verschwörerisch vor. “da das dein Vater nicht erfahren soll, erzählen wir niemanden davon. Auch nicht deiner Schwester. Einverstanden?”

Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte sich ein Lächeln auf Thesias Gesicht. Eifrig hielt sie ihm den Schwurfinger hin. “Abgemacht!”, flüsterte sie.